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Fragen und Antworten

Mündliche Frage

9. November 2017 – Frage von G. Freches an Minister Mollers zum Erlernen der „Brabançonne“ in den belgischen Schulen

Schauen wir einmal über die Landesgrenzen hinaus: "Het Wilhelmus" wird als eine der ältesten Nationalhymnen der Welt angesehen. Nun soll die niederländische Nationalhymne auch in den holländischen Klassenräumen Einzug finden. Die Nationalhymne ist für das Identitätsgefühl eines Volkes sehr wichtig. In Belgien kann jede Schuleinrichtung selbst darüber entscheiden, ob die Nationalhymne zum Schulstoff gehört oder nicht. Laut einer Umfrage die in der französischsprachigen Tageszeitung La Libre Belgique veröffentlicht wurde, sprechen sich 71.5 % der Leser für das Erlernen der „Brabançonne“ in den belgischen Schulen aus, da es das gesellschaftliche Miteinander stärkt und die belgischen Werte vermittelt. Meine Fragen nun hierzu, werter Herr Minister Mollers: Wie sieht es in Ostbelgien aus? Wird die Nationalhymne an ostbelgischen Schulen gelehrt? Wie bewertet die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Entscheidung der holländischen Regierung, die Nationalhymne in den Lehrplan aufzunehmen?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen.

Frage von Gregor Freches (PFF):

Schauen wir einmal über die Landesgrenzen hinaus:  "Het Wilhelmus" wird als eine der ältesten Nationalhymnen der Welt angesehen. Nun soll die niederländische Nationalhymne auch in den holländischen Klassenräumen Einzug finden. Nachdem die niederländische Koalition nun steht, haben unsere Nachbarn aus Holland u.a. beschlossen, im Bildungsbereich die Schulen dazu zu verpflichten, "Het Wilhelmus" zu unterrichten, damit der Nachwuchs textsicher wird.
Die Nationalhymne ist für das Identitätsgefühl eines Volkes sehr wichtig – gerade in unserem kultururreichen Belgien. Außer bei Länderspielen unserer roten Teufel oder Staatsempfängen gibt es jedoch kaum Berührungspunkte mit der belgischen Nationalhymne. In Belgien kann jede Schuleinrichtung selbst darüber entscheiden, ob die Nationalhymne zum Schulstoff gehört oder nicht.
Laut einer Umfrage die in der französischsprachigen Tageszeitung La Libre Belgique veröffentlicht wurde, sprechen sich 71.5 % der Leser für das Erlernen der „Brabançonne“ in den belgischen Schulen aus, da es das gesellschaftliche Miteinander stärkt und die belgischen Werte vermittelt.

Meine Fragen nun hierzu, werter Herr Minister Mollers:
- Wie sieht es in Ostbelgien aus? Wird die Nationalhymne an ostbelgischen Schulen gelehrt?
- Wie bewertet die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Entscheidung der holländischen Regierung, die Nationalhymne in den Lehrplan aufzunehmen?

Antwort von Harald Mollers (ProDG), Bildungsminister:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, Werte Kolleginnen und Kollegen,
Ich bin von der Wichtigkeit des Zusammengehörigkeitsgefühls eines Volkes überzeugt, jedoch wäre es zu kurz gegriffen, die Identität und das Zusammengehörigkeitsgefühl auf das Erlernen der Nationalhymne zu reduzieren.
Diese Frage sollte daher in den allgemeinen Kontext der politischen Bildung gesetzt werden, die es nach meiner festen Überzeugung gilt, in den kommenden Jahren sowohl in unseren Grund- als auch  Sekundarschulen verstärkt auszubauen.
Erste Schritte sind bereits in die Wege geleitet, um einen umfassenden und breitgefächerten Leitfaden zu formulieren, der dann einen übergreifenden Ansatz diverser Themen politischer Bildung in verschiedenen Unterrichtsfächern ermöglichen soll.
Hierzu gehört selbstverständlich auch die staatsbürgerliche Erziehung, die Sie in Ihrer Frage aufwerfen.
Kommen wir jedoch noch einmal auf die belgische Nationalhymne „Brabançonne“ zurück, die ihren Ursprung in den Wirren der Belgischen Revolution von 1830 hat.   Auch wenn sie nicht explizit im Rahmenplan Musik/Kunst der Primarschule und der 1. Stufe der Sekundarschule namentlich aufgeführt wird, so stellt sie ein nationales Identitätsmerkmal dar, das auch im diplomatischen und sportlichen Zusammenhang für Belgien eine gewisse Bedeutung behalten hat.
Historische Lieder wie die Nationalhymne sind bei den Inhaltskontexten des Themenfelds „Musik machen mit Stimme und Klangmaterialien“ in der Oberstufe der Primarschule und in der ersten Stufe der Sekundarschule aufgenommen.
In den Rahmenplänen für Geschichte und Geografie kann die Hymne darüber hinaus bei der Erläuterung der Staatsgründung in ihren ursprünglichen historischen Kontext gesetzt werden.
In einigen Primarschulen ist es durchaus Usus, die „Brabançonne“ zu erlernen und zu singen.
Dies trifft unter anderem für Schulen der Gemeinde Bütgenbach zu. 
Dort studieren alljährlich die Primarschüler aller Klassen im Hinblick auf die Kriegerdenkmalbegehung vom 11. November die „Brabançonne“ in deutscher, aber auch in französischer und niederländischer Sprache ein.
Gelegentlich wird auch in der Musikakademie die belgische Hymne für besondere Auftritte und Anlässe eingeübt.
Auch bei Diplomverleihungen und Abschlussfeiern verschiedener Schulen wird gelegentlich die Nationalhymne gespielt oder gesungen.
Kollege Freches fragt, wie die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Entscheidung der holländischen Regierung bewertet, die Nationalhymne in den Lehrplan aufzunehmen? 
Es steht mir natürlich nicht zu, Entscheidungen der Regierung eines Nachbarstaates zu bewerten.
Dennoch erachte ich es für unsere Gemeinschaft  als zu kurz gegriffen, die politische Bildung unserer Schüler auf das Erlernen der Nationalhymne und das Aufnehmen in einen Rahmen- oder Lehrplan zu reduzieren.
Vielmehr erscheint es mir erforderlich, ein umfassendes Demokratieverständnis mithilfe von historischen und aktuellen politischen Sachverhalten bei den Schülern zu entwickeln.
In diesem Sinne ist es mir - wie bereits angedeutet - ein persönliches Anliegen, die politische Bildung im Unterrichtswesen zu stärken und die Schaffung eines Zentrums für politische Bildung voranzutreiben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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