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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 233

9. Januar 2018 – Frage von M. Balter an Herrn Minister Antoniadis bezüglich der Einnahme von Antidepressiva

Am 28. November veröffentlichte das GrenzEcho einen Artikel zum Thema „Einnahme von Antidepressiva“. In diesem weist der aktuelle Bericht des Landesinstitutes für Kranken- und Invalidenversicherung darauf hin, dass die Einnahme dieser Medikamente in den letzten Jahren drastisch zugenommen habe. Vor allem Jugendliche seien betroffen. Es wurde zudem ein Anstieg von Verschreibungen dieser Medikamente bei leichteren Erkrankungen festgestellt. Laut Likiv werden Antidepressiva zu schnell verschrieben, sowohl von Psychiatern als auch von Allgemeinmedizinern. Die deutsche Zeitung „Der Tagesspiegel“ erläuterte im April dieses Jahres weitere Probleme: Antidepressiva werden mittlerweile nicht nur zu schnell verschrieben, sie haben auch Nebenwirkungen und Wirksamkeitsdefizite. Aus mehreren Studien ging hervor, dass nur etwa 60 Prozent der Patienten auf das Medikament ansprachen. Allein die stark depressiven Patienten hätten einen Nutzen von Antidepressiva. […]

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Michael Balter (VIVANT), vom 30. November 2017:
 
Am 28. November veröffentlichte das GrenzEcho einen Artikel zum Thema „Einnahme von Antidepressiva“. In diesem weist der aktuelle Bericht des Landesinstitutes für Kranken- und Invalidenversicherung (Likiv/Inami) darauf hin, dass die Einnahme dieser Medikamente in den letzten Jahren drastisch zugenommen habe. Vor allem Jugendliche seien betroffen. Es wurde zudem ein Anstieg von Verschreibungen dieser Medikamente bei leichteren Erkrankungen festgestellt. Laut Likiv werden Antidepressiva zu schnell verschrieben, sowohl von Psychiatern als auch von Allgemeinmedizinern. Die deutsche Zeitung „Der Tagesspiegel“ erläuterte im April dieses Jahres weitere Probleme: Antidepressiva werden mittlerweile nicht nur zu schnell verschrieben, sie haben auch Nebenwirkungen und Wirksamkeitsdefizite. Aus mehreren Studien ging hervor, dass nur etwa 60 Prozent der Patienten auf das Medikament ansprachen. Allein die stark depressiven Patienten hätten einen Nutzen von Antidepressiva. Psychiater Tom Bschor, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie der Schlosspark-Klinik Berlin ist überzeugt, dass Antidepressiva bei leichten Depressionen nicht verschrieben werden sollten. Die Realität zeichnet allerdings ein anderes Bild. Dieser Umstand ist für die Vivant-Fraktion nicht hinnehmbar. Es sollte demnach genauestens untersucht werden, wo die Gründe für die schnelle Verschreibung von Antidepressiva liegen, es sollten Möglichkeiten gesucht werden, um diese zu unterbinden und Alternativen zu finden.
 
Daher lauten meine Fragen an Sie wie folgt:
1. Wie sieht die Situation der Antidepressiva-Verschreibung in der DG aus? Wie hoch ist der Prozentsatz bei den Jugendlichen (11 bis 18 Jahren)? Wie hoch ist der Anteil bei den Erwachsenen? Bitte eine genaue Auflistung anfügen.
2. Wie erklären Sie sich den Anstieg solcher Verschreibungen? Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für einen mittlerweile erhöhten Bedarf an solchen Medikamenten?
3. Was wollen Sie unternehmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?
4. Wie sieht es mit der Gesundheitsprävention auf dem Gebiet aus? Werden die Bürger der DG hinreichend über diese Problematik und vor allem über die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen der Antidepressiva aufgeklärt? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?
 
Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:
 
Die letzte Gesundheitsumfrage aus dem Jahr 2013 ergab, dass rund 14 Prozent der befragten Über-15-Jährigen aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft mit Depressionen zu kämpfen haben. Knapp sieben Prozent der besagten Zielgruppe leidet an Angststörungen. Diese Zahl nähert sich sowohl den Werten auf europäischer als auch auf belgischer Ebene (Depressionen: 15%; Angststörungen: 10%)*.
Die Ergebnisse aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind aufgrund der geringen Anzahl Befragungen (N= 300) jedoch mit Vorsicht zu genießen. Aus diesem Grund möchte ich auf die anstehende Gesundheitsumfrage im Jahr 2018 verweisen, bei der rund 900 Personen aus Ostbelgien befragt werden. Darüber hinaus handelt es sich bei den Gesundheitsumfragen stets um eine subjektive Erfassung. Über objektive Zahlen verfügen wir leider nicht. Diese können Sie bei der IMA (Intermutualistischen Agentur) anfragen.
Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean**. Von all den medizinischen Disziplinen haben vor allem jene grundlegende Umbrüche erlebt, die sich mit dem menschlichen Geist befassen.
Dies gilt beispielsweise für psychische Störungen, insbesondere für Depressionen und Angststörungen. Rein demografisch gesehen wird erkennbar, dass psychische Erkrankungen in ihrer Art aber auch in ihrer Häufigkeit bereits seit jeher Teil der Gesellschaft waren. Nur werden sie heutzutage häufiger und repräsentativer erfasst. Dies ist unter anderem auf eine steigende gesellschaftliche Akzeptanz und ein zunehmendes Verständnis für psychischer Erkrankungen zurückzuführen.
Das führt zu vermehrten Äußerungen von Symptomen, die auf eine psychische Erkrankung schließen lassen sowie, und dies als unmittelbare Folge, zu erhöhten Verschreibungen im Vergleich zum letzten Jahrhundert.
So stiegen die Zahlen bei der oben erwähnten Zielgruppe in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zwischen 1997 und 2013 von 3,8 auf 7,5 Prozent an.
Es steht mir nicht zu, mich über die bedarfsorientierte Verschreibung von Medikamenten zu äußern. Hierbei vertraue ich voll und ganz der Sorgfalt und Kompetenz unserer Hausärzte, Psychiater und Psychologen, die individuell einen angemessenen Behandlungsplan erstellen. Wie bereits in einer vorherigen Frage dargelegt, ist der Ärztekodex strikt ausgelegt. Diesem unterliegt jeder praktizierende Arzt.
Doch auch die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist nicht untätig. Das ausgearbeitete Konzept zur Gesundheitsförderung sieht unter anderem den Schwerpunkt der psychischen Gesundheit für die Jahre 2018 und 2019 vor. Besonderes Augenmerk gilt dabei einer Destigmatisierung und Sensibilisierung zum Thema psychische Gesundheit. Auch im dritten Teil des regionalen Entwicklungskonzeptes (REK III) wird die psychische Gesundheit im Vordergrund stehen.
 
* Die Studie müsste dem Fragesteller vorliegen. 
** Isaac Newton, 1643-1727 
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