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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 237

2. Februar 2018 – Frage von M. Balter an Herrn Minister Antoniadis zur Zunahme des Eltern-Burnout-Syndroms

Eine von der christlichen Krankenkasse im März dieses Jahres in Auftrag gegebene Studie, die von der UCL durchgeführt wurde, hat ergeben, dass mittlerweile immer mehr Eltern an dem sogenannten Eltern-Burnout leiden. […] In der DG werden mittlerweile vermehrt Workshops angeboten, die besonders Eltern von pubertierenden Jugendlichen helfen sollen, den Alltag zu verarbeiten. Sicherlich eine begrüßenswerte Initiative, wobei es hier gilt, Ursachenforschung zu betreiben. Meine Fragen an Sie lauten daher wie folgt: Wie sieht die Situation des Eltern-Burnouts in der DG aus? Wie hoch ist der Prozentsatz in der DG? Gibt es Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden der Deutschsprachigen Gemeinschaft? Werden solche Eltern-Workshops auch im Süden der DG organisiert? Gibt es neben diesen Workshops noch andere angestrebte Maßnahmen, um Eltern gezielt in der Alltagsbewältigung zu unterstützen und dem Burnout im familiären Bereich entgegenzuwirken? Wie kann man in Zukunft Eltern unterstützen und sie im Arbeits- und Familienumfeld hinreichend entlasten, um die negative Entwicklung, die sicher weitreichende Folgen für die Erziehung der Kinder mit sich bringen wird, aufzuhalten? Beweist diese Veränderung nicht auch, dass bei der Regelung der Kinderbetreuung nach wie vor Verbesserungsbedarf besteht? Sollte man nicht, und dass entgegen den Absichten der Regierung die externe Betreuungsangebote zu erhöhen, den Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern zusprechen u.a. durch ein zusätzliches gezahltes Elterngeld durch die DG bzw. durch ein verlängertes Elterngeld durch den Föderalstaat? Diese Forderungen waren ebenfalls im Fazit des Bürgerdialoges der DG vorhanden. Was sind Ihrer Meinung nach die Hintergründe für das Eltern-Burnout? Hat sich die Regierung bzw. das Ministerium mit dieser Problematik bereits beschäftigt? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?

 
Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Michael Balter (Vivant), vom 29. Dezember 2018:
 
Eine von der christlichen Krankenkasse im März dieses Jahres in Auftrag gegebene Studie, die von der UCL durchgeführt wurde, hat ergeben, dass mittlerweile immer mehr Eltern an dem sogenannten Eltern-Burnout leiden. Laut Untersuchung sollen 5 Prozent der Eltern in der Wallonischen Region und in Brüssel betroffen sein, weitere 13 Prozent seien gefährdet. Zudem wird vermutet, dass die Zahl viel höher ausfallen könnte, denn viele Eltern sind sich ihrer Krankheit nicht bewusst. Burnout und Depressionskrankheiten nehmen immer mehr zu, nicht nur Mütter, auch Väter weisen entsprechende Merkmale auf.* In Deutschland melden die Krankenkassen ebenfalls einen rasanten Anstieg von Krankschreibungen wegen Stress. Vor allem bei den 30 bis 39- Jährigen fallen die Zahlen sehr hoch aus.** Dies kann mit der Familiengründung zusammenhängen, die meistens in diesem Zeitraum stattfindet und somit eine doppelte Belastung für die Menschen entsteht. Die TK-Stressstudie schlussfolgert: „Den eigentlichen Stress löst die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus."*** Und hier geht es in erster Linie nicht um eine zusätzliche externe Kinderbetreuung, sondern eher darum, dass Eltern gerne selbst mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. Die Vollberufstätigkeit beider Elternteile, der Haushalt und die Kinderbetreuung machen den Alltag zu einem Kraftakt. In der DG werden mittlerweile vermehrt Workshops angeboten, die besonders Eltern von pubertierenden Jugendlichen helfen sollen, den Alltag zu verarbeiten. Sicherlich eine begrüßenswerte Initiative, wobei es hier gilt, Ursachenforschung zu betreiben.
 
Meine Fragen an Sie lauten daher wie folgt:
1. Wie sieht die Situation des Eltern-Burnouts in der DG aus? Wie hoch ist der Prozentsatz in der DG? Gibt es Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden der Deutschsprachigen Gemeinschaft?
2. Werden solche Eltern-Workshops auch im Süden der DG organisiert?
3. Gibt es neben diesen Workshops noch andere angestrebte Maßnahmen, um Eltern gezielt in der Alltagsbewältigung zu unterstützen und dem Burnout im familiären Bereich entgegenzuwirken?
4. Wie kann man in Zukunft Eltern unterstützen und sie im Arbeits- und Familienumfeld hinreichend entlasten, um die negative Entwicklung, die sicher weitreichende Folgen für die Erziehung der Kinder mit sich bringen wird, aufzuhalten?
5. Beweist diese Veränderung nicht auch, dass bei der Regelung der Kinderbetreuung nach wie vor Verbesserungsbedarf besteht? Sollte man nicht, und dass entgegen den Absichten der Regierung die externe Betreuungsangebote zu erhöhen, den Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern zusprechen u.a. durch ein zusätzliches gezahltes Elterngeld durch die DG bzw. durch ein verlängertes Elterngeld durch den Föderalstaat? Diese Forderungen waren ebenfalls im Fazit des Bürgerdialoges der DG vorhanden.
6. Was sind Ihrer Meinung nach die Hintergründe für das Eltern-Burnout? Hat sich die Regierung bzw. das Ministerium mit dieser Problematik bereits beschäftigt? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?
 
Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:
 
Allgemeines
Zunächst handelt es sich nicht um eine im März 2017 in Auftrag gegebene Studie, sondern um eine seit 2008 durchgeführte Studie über die Auswirkungen des Elternwerdens durch zwei Professorinnen der Psychologiefakultät der UCL****. Seit 2015 wurde vordergründig die Erschöpfung von Eltern und das damit einhergehende „Eltern- Burnout“ untersucht. Die im Rahmen dieser letzten Untersuchung ***** erworbenen Erkenntnisse wurden 2017 vorgestellt und in dem Buch „Le Burn-out parental - l’éviter et s’en sortir“ ausführlich dargelegt.
Bevor ich die verschiedenen Fragen beantworte, möchte ich auf einige Erkenntnisse aus der Studie eingehen, um diese komplexe Thematik in den Kontext zu stellen.
In der Studie wird zunächst auf den Wandel in der Erziehung eingegangen, die insbesondere seit den 1980er Jahren einen neuen Stellenwert bekommen hat. Zuvor war die Erziehung ausschließliche Angelegenheit der Eltern. 1989 wurde das Internationale Übereinkommen über die Kinderrechte unterzeichnet. Demnach sind die Eltern verantwortlich für die Entwicklung, die Gesundheit und das Wohlbefinden ihres Kindes. Darüber hinaus werden in dem Übereinkommen eine Reihe von Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern aufgelistet. Kommen die Eltern diesen Verpflichtungen nicht nach, muss die Gesellschaft sie unterstützen. Von Beratungs- und Unterstützungsangeboten (zu Beginn) bis hin zur Herausnahme und Fremdunterbringung des Kindes.
Die Erziehung gerät somit in den gesellschaftlichen Vordergrund und wir in zahlreichen Artikeln, Werbekampagnen und Debatten thematisiert. Dadurch geraten Eltern immer mehr unter Druck der Gesellschaft, als ein Idealbild, das den Eltern entsprechen soll, zu fungieren. Zentrale Aussage dieser Öffentlichkeitsarbeit ist „Gute Eltern ermöglichen ihren Kindern, sich zu entfalten und glücklich zu sein“. Diese Botschaft wird bei vielen Eltern übersetzt mit „Damit meine Kinder sich entfalten können und glücklich sind, muss ich mich selbst übertreffen, und werde dies wahrscheinlich nicht alleine schaffen….“.
Auch wenn es sicherlich wunderbare Momente in der Erziehung der Kinder gibt, unterstreichen die Autoren mehrmals, dass Elternsein „ein Job“ ist. Aus den Interviews geht deutlich hervor, dass Eltern sich das „Fehlverhalten“ ihres Kindes anrechnen und auf eine misslungene Erziehung zurückführen, obwohl ein Kind in seiner Entwicklung von einer Reihe von externen Einflüssen und seinem eigenen Charakter geprägt wird. Die Erziehung bildet dabei ein wichtiges aber nicht alleiniges Puzzlestück.
Ein Eltern-Burnout entsteht durch den Druck, dem Eltern sich im Rahmen ihres Erziehungsziels aussetzen und der sich dann zu einem unerreichbaren Ziel entwickelt. Es entstehen Frustration und Schuldgefühle sowie die Vorstellung, dass andere Eltern ihr Ziel erreichen. Stressfaktoren können aber auch durch traumatisierte Ereignisse entstehen. So geht aus der Studie hervor, dass Eltern vor 1996 keine besonderen Ängste vor Kindesentführung zeigten, sich dies jedoch seit der „Dutroux Affäre“ im Jahre 1996 stark verändert hat und der Schutzauftrag der Eltern somit in den Vordergrund gerückt ist.
Elternwerden bedeutet, sich einer Reihe neuer und unbekannter Herausforderungen zu stellen. Dies verlangt den Eltern bedeutende physiologische und psychologische Ressourcen ab. Zahlreiche Studie belegen jedoch, dass gerade mit der Geburt eines
Kindes sich diese Ressourcen u.a. wegen Schlafmangel verringern. Es geht also darum, mehr Stress mit weniger Ressourcen zu meistern. Vielen Eltern gelingt dieser Spagat, anderen nicht. Letztere riskieren, ohne externe Hilfe oder ein unterstützendes familiäres und soziales Umfeld dem Eltern-Burnout zu unterliegen.
Bei einem Elternteil, das depressiv und immer erschöpft ist, spricht die Wissenschaft übrigens nicht von einem Eltern-Burnout. Bei einem Burnout gibt es immer ein Vorher und Nachher. Eltern, die von einem Burnout betroffen sind, sind jene, die sich zuvor mit viel Motivation und Einsatz ihrer Aufgabe angenommen haben und aufgrund des einen oder anderen Ereignisses oder des nicht erreichten Ideals plötzlich und schnell in ein tiefes emotionales Loch fallen.
 
Risikofaktoren
Von einem Eltern-Burnout kann jeder betroffen sein, ab dem Moment, da eine Reihe von Risikofaktoren zusammen kommen. Die Wissenschaft geht von folgenden Risikofaktoren aus, die abhängig von der Person, dem Kind und seinem Umfeld zu einem Eltern-Burnout führen können:
 
1. Soziodemographische Risiken
Dazu gehört das Alter des Kindes und der Eltern. Kleinere Kinder erfordern in der Regel mehr Zeit und Aufmerksamkeit, ältere Eltern können meist mit der erhöhten Stresssituation schlechter umgehen. Sehr junge Eltern und pubertierende Jugendliche können jedoch auch einen Risikofaktor darstellen.
Auch wenn die Väter sich heutzutage stärker an der Erziehung und den Haushaltsarbeiten beteiligen, bleibt in der Regel die meiste Arbeit bei der Mutter, die somit weiterhin einem höheren Burnout-Risiko ausgesetzt ist. Väter, die sich jedoch stark investierten sind diesem Risiko ebenso ausgesetzt.
Eine Mehrlingsgeburt und Patchwork-Familien werden auch als Risikofaktoren aufgelistet.
Die Berufstätigkeit der Eltern als solche wird nicht als Risikofaktor aufgeführt, im Gegenteil. Eltern, die keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen, fehlen ein soziales Netz und Entfaltungsmöglichkeiten. Die Berufstätigkeit erlaubt es, aus den Erziehungssorgen herauszukommen und sich anderen Herausforderungen und Problemen zu widmen. Eine Berufstätigkeit kann somit als Schutzfaktor angesehen werden.
Es wird erst dann belastend, wenn der Arbeitgeber keinerlei Flexibilität bei der Arbeitsorganisation zulässt. Infolgedessen wird eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierig oder gar unmöglich. Aufgrund von erhöhtem Stress und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz kann also auch ein Burnout entstehen. Fehlende Kinderbetreuungsplätze gehören damit auch zu einem Stressfaktor für Eltern, die einer beruflichen Tätigkeit nachgehen.
 
2. Besondere Umstände
Dabei kann es sich um einschneidende Ereignisse im Leben der Eltern oder des Kindes handeln, die dazu führen, dass der Stress Überhand gewinnt und die Schutzressourcen nicht ausreichen, um gegenzusteuern. Derartige Ereignisse sind jedoch nicht der einzige Grund eines Eltern-Burnouts, können aber der Auslöser dafür sein.
 
3. Die persönlichen Risiken
Dazu zählen die individuellen Fähigkeiten der Person, ihre Emotionen und die der anderen zu erkennen, zu verstehen, auszudrücken und zu beherrschen. Dazu gehört auch ein zu großer Abstand zwischen der Realität im Alltag und dem von einem Einzelnen in der Erziehung und in der Familie angestrebten Ideal sowie dem Gefühl, dass andere dies erreichen.
 
4. Beziehungsrisiko
Sowie die Partnerschaft eine Unterstützung sein kann und somit als Schutzfaktor gilt, so kann diese auch einer der Stressverursacher sein und somit zum Risikofaktor werden.
 
5. Die Erziehungsrisiken
Es gibt keine perfekte Erziehung und auch keine perfekten Eltern. Dennoch helfen gewisse Erziehungsprinzipien wie konsequent agieren, zusammen agieren und Eskalationen meiden, um ein Gleichgewicht zu erhalten.
 
6. Die Risiken in Verbindung mit dem Kind
Der Charakter eines jeden Kindes ist unterschiedlich und verlangt ein unterschiedliches Maß an Geduld und Erziehungsgeschick. Die Begleitung eines Kindes mit einer schweren Krankheit oder einer Beeinträchtigung kann für Eltern erfüllend sein, erfordert jedoch ein hohes Maß an Investition der Eltern.
Anzeichen für einen Elternburnout:
  1. Erschöpfung: Der Elternteil fühlt sich vollständig erschöpft und am Ende. Diese Erschöpfung kann sich auf emotionaler, kognitiver oder physischer Ebene zeigen.
  2. Affektive Distanz zu den eigenen Kindern: Der Elternteil nimmt wenig am Leben der Kinder teil. Er gewährleistet das Minimum für das Wohlbefinden (Essen, Fahrten, schlafen…) aber hat keine Courage mehr, mehr zu tun.
  3. Der Verlust an Effizienz und an Entfaltung in der Elternrolle.
Auswirkungen auf das betroffene Elternteil
Die Auswirkungen können schwerwiegend sein:
  • auf die Eltern (Gesundheitsprobleme, Suchterkrankung, …),
  • auf die Paarbeziehung (Reizbarkeit, Konflikte, Scheidung, …),
  • auf das Verhältnis der Eltern zum Kind (Vernachlässigung, Gewalt, …).
Konkret zu den Fragen

1. Wie sieht die Situation des Eltern-Burnouts in der DG aus? Wie hoch ist der Prozentsatz in der DG? Gibt es. Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden der Deutschsprachigen Gemeinschaft?
Wie bei jeder anderen Krankheit, muss der Arzt diese weder bei einer Krankschreibung noch bei der Verordnung einer Therapie oder von Medikamenten angeben. Darüber hinaus gibt es keine genaue Diagnose für einen Eltern-Burnout, sondern nur Anzeichen, die jeder Therapeut oder Arzt jedoch anders deuten kann. Demzufolge gibt es keine aussagekräftige Statistik zum Elternburnout, weder auf nationaler noch auf Ebene der Gemeinschaft. Bis auf die Studie der Katholischen Universität Löwen (UCL), der zufolge 3-12 Prozent von 2000 befragten Personen davon betroffen seien, gibt es keine Statistiken.
Auch für den Burnout aus dem Berufsalltag gibt es kein aussagekräftiges Zahlenmaterial. Die INAMI geht von jährlich 800.000 Fällen eines Burnout aus dem Berufsalltag aus. Zudem kann auch damit nicht immer eine Verbindung zum Eltern-Burnout gezogen werden, da zum einen nicht alle Betroffenen Eltern sind und zum anderen belegen Studien, dass das Eltern-Burnout ein anderes Syndrom ist als das berufliche Burnout. Beim Eltern-Burnout geht es um den Kreis der Familie, das Verhältnis zu den Kindern. Beim zweiten Burnout geht es um das berufliche Umfeld, das Verhältnis zur Arbeit.
Laut Angaben des SPZ ist der Begriff "Elternburnout" relativ neu und bisher nicht in ihren statistischen Kriterien erfasst. Das SPZ kann also keine Zahlen nennen. Es betreut aber solche Situationen bei Familien, deren Kinder es begleitet, und bei Eltern, deren Lebenssituation von Überlastung geprägt ist.
Prisma teilte mit, dass sie zum Elternburnout im Sinne von "Erschöpfung", "Überforderung" seitens den Eltern in der Beratungsstelle die Erfahrung machen, dass es immer wieder - vielleicht im Lauf der Jahre auch immer mehr - Situationen im Zusammenleben mit Kindern gibt, die Mütter an die Grenze ihrer Belastbarkeit oder auch darüber hinaus bringen. Prisma führt dies auf verschiedene Ursachen zurück: Doppelbelastung Familie-Beruf, alleinerziehend, hohe Anforderungen an das Elternsein gekoppelt an hohe (Leistungs-) Erwartungen an die Kinder.....
Im Frauenhaus wird eine Klientel mit geringer schulischer Bildung - immer öfter auch Analphabeten -, beherbergt, die aus einer gewalttätigen Situation kommen. Durch jahrelange Gewalt-Erfahrungen sind die Belastungsgrenzen der Mütter früh erreicht und sie rutschen schnell in die Überforderung ab. Die Handlungsmöglichkeiten dieser Mütter sind eingeschränkt, sie kennen oft nur eine Methode/Art mit einer Situation umzugehen.
Im Frauenhaus befinden sich fast alle Mütter in einem Zustand der Überforderung. In der Beratungsstelle zeigt sich die Überforderung situationsgebunden und ist meistens nicht dauerhaft. Insgesamt ist festzuhalten, dass Prisma sich an Frauen/Mütter richtet und nur einen Ausschnitt der Gesellschaft kennenlernt.
Von diesen Erfahrungen Rückschlüsse auf die allgemeine Situation zu ziehen ist fragwürdig.
Im Bereich der Jugendhilfe können wir nicht zahlentechnisch belegen, ob die Anzahl sich erhöht hat oder nicht.
Was im Jugendhilfedienst tatsächlich festgestellt wurde, ist, dass zunehmend auch Eltern, die eigentlich ein gutes ressourcenreiches Umfeld haben (stabile familiäre Situation, soziales Netzwerk z.B.: Freunde, einen guten Bildungsstand, ausreichend Finanzen, Arbeit, usw.) verstärkt die Dienste des Jugendhilfedienstes in Anspruch nehmen. Auch diese Eltern sind ratlos in Anbetracht der sich Ihnen stellenden Erziehungsherausforderung und häufig einem erhöhten Stressrisiko ausgesetzt. Depressive Verhaltensweisen (wie Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, dass sich ihre Situation oder die ihre Kindes verbessern könnte, etc) sind dabei häufig zu beobachten.
Was sich in den letzten ca. 5 -10 Jahren sehr verschlechtert hat ist, laut Angaben der berufstätigen Eltern, die Bereitschaft der Arbeitgeber, Eltern Flexibilität zuzugestehen, wenn Kinder psychische Probleme haben oder Eltern zum Zweck von Therapie, Elternberatung oder Erziehungsberatung sich frei nehmen müssen.
Eltern sind zunehmend besorgt und befürchten negative Reaktionen der Arbeitgeber, wenn diese von ihren Problemen erfahren, bzw. wollen diese gar nicht bitten, für wichtige Termine frei zu bekommen oder ausnahmsweise später anzufangen oder früher zu gehen. Dies wiederum erhöht den Stress bei den berufstätigen Eltern, da sie im schlimmsten Fall fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Alleinerziehende berufstätige Eltern sind in dieser Hinsicht besonders gefährdet.
Auch die Anzahl der Eltern, die sich beklagen und durch die Anforderungen der Gesellschaft (Schule, Vereine, etc.) überfordert fühlen haben stark zugenommen. Das geht in mehreren Einzelfällen soweit, dass sie vorübergehend arbeitsunfähig sind und wegen Erschöpfung vom Arzt krankgeschrieben werden.
 
2. Werden solche Eltern-Workshops auch im Süden der DG organisiert?
Die Workshops, die die christliche Krankenkasse seit Oktober 2017 zum Thema Stressbewältigung und Erziehungsfragen anbietet, wurden laut der Website sowohl im Norden als auch im Süden angeboten. Diese Initiative ist jedoch ausschließlich von der christlichen Krankenkasse.
 
3. Gibt es neben diesen Workshops noch andere angestrebte Maßnahmen, um Eltern gezielt in der Alltagsbewältigung zu unterstützen und dem Burnout im familiären Bereich entgegenzuwirken?
Die Deutschsprachige Gemeinschaft bezuschusst seit Jahren Eltern-Kind-Kurse, die aktuell durch Kaleido Ostbelgien und die Frauenliga angeboten werden. Im Rahmen der Eltern Kurse können auch Kurse zur Erziehung und Gesundheit angeboten werden. In diesem Rahmen wurden in der Vergangenheit insbesondere einzelne Referate angeboten wie die „Brüllfalle“, der „Umgang mit den modernen Medien“….
Darüber hinaus ist Kaleido Ostbelgien ein zentraler Ansprechpartner für Eltern und Jugendliche bei Fragen und Problemen im Erziehungsbereich. Auf der Website von Kaleido Ostbelgien sind eine Reihe von interessanten Broschüren zu verschiedenen Erziehungsthemen veröffentlicht.
Neben Kaleido gibt es Beratungsdienste, die von den Eltern und Jugendlichen in Anspruch genommen werden können. Dazu gehören Prisma, die Frühhilfe, die Jugendhilfe, die DSL, das SPZ, das Elterntelefon vom Bund der Familie, die Telefonhilfe, die SIA und die ambulante Begleitung des Zentrums Mosaik.
Begegnungsorte und gemeinsame Aktivitäten mit Eltern werden in den anerkannten sozialen Treffpunkten sowie in den Kinderhorten angeboten. Finanzielle Unterstützung erhalten Familien bei Drillingsgeburten. Diese Hilfe wurde seit Mitte 2017 auf Mehrlingsgeburten (einschließlich Adoptionen) innerhalb von 18 Monaten ausgedehnt. Darüber hinaus können Eltern den Dienst für kranke Kinder beanspruchen.
Eine Beschreibung der Ansätze, die das SPZ in der therapeutischen Begleitarbeit verfolgt, erfordert auch etwas Vorbereitung. Je nach Situation der Familie sind Ansätze vorgesehen bei den Eltern mit einem Fokus auf ihren Selbstheilungskräften, Ansätze bei der Situation und den Umweltfaktoren in Richtung Entlastung durch Umstrukturierung des Umfelds und Hilfe von anderen Personen, Ansätze bei "anstrengenden" Kindern, Ansätze bei der Beziehung zwischen Eltern und Kindern - alles in unterschiedlicher Gewichtung.
 
4. Wie kann man in Zukunft Eltern unterstützen und sie im Arbeits- und Familienumfeld hinreichend entlasten, um die negative Entwicklung, die sicher weitreichende Folgen für die Erziehung der Kinder mit sich bringen wird, aufzuhalten?
Wir wollen dieser Problematik mit einem groß angelegten Pilotprojekt entgegentreten. Mit dem Pilotprojekt von Kaleido Ostbelgien zur Eltern-Kind-Bildung, das im zweiten Halbjahr 2018 startet, sollen Eltern bei ihrer Erziehungsarbeit gestärkt werden. Dazu erhält Kaleido Ostbelgien einen gesonderten Auftrag. Die neue Eltern-Kind-Bildung soll in Form von acht Grundmodulen organisiert werden. Die Eltern erhalten dabei Informationen und Möglichkeiten des Austausches zu relevanten Themen rund ums Kind in der Altersspanne null bis sechs Jahre. Das Programm richtet sich ausdrücklich an alle Gesellschaftsschichten, deshalb wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass es sich keinesfalls um „belehrende oder akademisch ausgerichtete“ Veranstaltungen handelt. Es wird viel Zeit für den Austausch mit den Referenten und untereinander geben, ein wertschätzender Umgang miteinander ist Grundvoraussetzung. Die Module finden samstags statt. Der gemeinschaftliche Aspekt wird dadurch verstärkt, dass das Mittagessen gemeinsam zubereitet wird. Die Eltern-Kind-Bildung richtet sich an die ganze Familie. Deshalb soll am Veranstaltungsort eine kostenlose Kinderbetreuung angeboten werden.
Als Anreiz und Belohnung für die Teilnahme erhalten die Eltern eine „Bildungsprämie“ in Form von Gutscheinen, die in regionalen Geschäften, bei Sport- und Kulturvereinigungen usw. eingelöst werden können. Dieses Netzwerk muss allerdings noch aufgebaut werden. Dadurch soll das Projekt auch möglichst von der breiten Gesellschaft getragen werden, zudem leistet es somit einen wichtigen Beitrag zur Regionalentwicklung.
Der Startschuss für die neue Initiative soll im September 2018 erfolgen. Kaleido möchte das neue Angebot zunächst in der Eifel testen: Die Module sollen parallel, aber zeitversetzt im Raum St.Vith und im Raum Büllingen-Bütgenbach angeboten werden, um die Anfahrtswege möglichst kurz zu halten. Im Frühjahr 2018 plant Kaleido eine Öffentlichkeitskampagne.
 
5. Beweist diese Veränderung nicht auch, dass bei der Regelung der Kinderbetreuung nach wie vor Verbesserungsbedarf besteht? Sollte man nicht, und dass entgegen den Absichten der Regierung die externe Betreuungsangebote zu erhöhen, den Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern zusprechen u.a. durch ein zusätzliches gezahltes Elterngeld durch die DG bzw. durch ein verlängertes Elterngeld durch den Föderalstaat? Diese Forderungen waren ebenfalls im Fazit des Bürgerdialoges der DG vorhanden.
Mit der angeführten Studie wird die Regierung in ihrem Vorhaben bestätigt, das Angebot der Kinderbetreuung auszubauen und die Eltern-Kind-Bildung weiterzuentwickeln. Wie die Studie belegt, erlaubt die Berufstätigkeit aus den Erziehungssorgen herauszukommen und sich anderen Herausforderungen und Problemen zu widmen. Eine Berufstätigkeit kann laut der Studie als Schutzfaktor angesehen werden. Es wird erst dann belastend, wenn der Arbeitgeber keinerlei Flexibilität bei der Arbeitsorganisation zulässt. Infolgedessen wird eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierig oder gar unmöglich. Aufgrund von erhöhtem Stress und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz kann also auch ein Burnout entstehen. Fehlende Kinderbetreuungsplätze gehören damit auch zu einem Stressfaktor für Eltern, die einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Mit dem Masterplan zur Kinderbetreuung gehen wir genau darauf ein.
Für die Flexibilität ist jedes Unternehmen selbst verantwortlich und unterliegt dabei entsprechenden arbeitsrechtlichen Vorgaben. Das Unternehmen DG kann jedoch mit gutem Beispiel vorrangehen und macht dies auch. Zum einen bestehen flexible Arbeitszeiten und Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung. Mit der angestrebten Betriebskrippe wird es zu einer zusätzlichen Entlastung von Eltern kommen, die im Unternehmen DG arbeiten und einen Betreuungsplatz in der Betriebskrippe beanspruchen möchten. Im Übrigen ist es nicht die Aufgabe der Gemeinschaft, sondern des Föderalstaates im Rahmen eines sozialabgesicherten Elternurlaubs oder eines Elterngeldes die Eltern zusätzlich zu unterstützen. Wichtig ist, dass solche Rahmenbedingungen dem Bedarf der Eltern entsprechen und sie weder in eine Abhängigkeit stürzen noch in eine Altersarmutsfalle. Persönlich bin ich der Meinung, dass man aber eine gesamtpolitische Lösung anstreben muss, da die Eltern im ganzen Land und nicht nur in Ostbelgien zusätzliche Unterstützung gebrauchen könnten.
Abschließend möchte ich unterstreichen, dass im Gegensatz zum Fragensteller die Regierung keine Werte-Debatte über die Betreuungsformen führen wird. Wir sind der Meinung, dass es das Recht der Eltern ist, sich zu entscheiden, ob sie auf eine externe Kinderbetreuung zurückgreifen möchten oder die Kinder selbst betreuen. In beiden Fällen sollte meiner Meinung nach der Sozialstaat Unterstützung leisten.
 
6. Was sind Ihrer Meinung nach die Hintergründe für das Eltern-Burnout? Hat sich die Regierung bzw. das Ministerium mit dieser Problematik bereits beschäftigt? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?
Sowohl das Ministerium als auch Kaleido Ostbelgien haben sich mit dieser Problematik befasst, die an sich nicht neu ist, jedoch mit der ausführlichen Studie einen Gesamtüberblick verschafft. Zu den Hintergründen verweise ich Sie auf die Einleitung
 
 
* https://www.welt.de/politik/deutschland/article156256183/Job-und-Kinder-treiben-Eltern-in-die-Ueberforderung.html 
** http://www.familie.de/eltern/burnout-muetter-1080185.html 
*** idem
**** Frau Isabelle Roskam, Expertin im Bereich des Rollenverständnis der Eltern und der Behandlung von verhaltensauffälligen Kindern sowie Frau Moïro Mikolajczak, Expertin im Bereich Gefühlsfähigkeiten und Stressbewältigung. 
***** Sie dauerte 2 Jahre und dabei wurden mehr als 2000 Väter und Mütter befragt. 
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