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Fragen und Antworten

Mündliche Frage

13. März 2018 – Frage von M. Niessen an Ministerin Weykmans zum Bachelor „Soziale Arbeit“ als Antwort auf den Mangel an Jugendarbeitern

In der vergangenen Kontrollsitzung von Ausschuss III wurde über das Vorhaben der Regierung, einen neuen Bachelorstudiengang in der DG zu organisieren diskutiert. Hintergrund sei der Fachkräftemangel im Berufsfeld der sozialen Arbeit und der Jugendarbeit in Ostbelgien. Der geplante DG-eigene Bachelorstudiengang „soziale Arbeit“ soll hier Abhilfe schaffen. Der Studiengang soll nun von einer Steuergruppe bestehend aus Vertretern des Ministeriums, der Regierung und der Autonomen Hochschule ausgearbeitet werden und im Studienjahr 2020-2021 ein erstes Mal durchgeführt werden. Tatsächlich ist es eines der Kernprobleme in der Offenen Jugendarbeit in Ostbelgien, dass für gewisse Stellen keine oder nur vorübergehend Bewerberinnen oder Bewerber gefunden werden. Die ECOLO Fraktion stellt sich in diesem Zusammenhang jedoch die Frage, ob ein DG-eigener Studiengang tatsächlich eine gesicherte Antwort auf den Mangel an Fachkräften ist, oder ob man dieses Thema nicht auch inhaltlich betrachten und dabei die grundlegende Frage nach der Attraktivität des Berufes stellen muss. Daher folgende Fragen, Frau Ministerin: Wie haben Sie bisher auf qualitativer Ebene auf diesen Mangel an Fachkräften in der Jugendarbeit geantwortet? Anders gefragt: Was haben Sie bisher getan, diesen Beruf aufzuwerten und die Arbeitsbedingungen dort zu verbessern. Planen Sie konkrete Maßnahmen zur Aufwertung des Berufes der Sozialarbeiter?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen.
 
Frage von Marc Niessen (Ecolo):
 
In der vergangenen Kontrollsitzung von Ausschuss III wurde über das Vorhaben der Regierung, einen neuen Bachelorstudiengang in der DG zu organisieren diskutiert. Hintergrund sei der Fachkräftemangel im Berufsfeld der sozialen Arbeit und der Jugendarbeit in Ostbelgien. Der geplante DG-eigene Bachelorstudiengang „soziale Arbeit“ soll hier Abhilfe schaffen. Der Studiengang  soll nun von einer Steuergruppe bestehend aus Vertretern des Ministeriums, der Regierung und der Autonomen Hochschule ausgearbeitet werden und im Studienjahr 2020-2021 ein erstes Mal durchgeführt werden.
Tatsächlich ist es eines der Kernprobleme in der Offenen Jugendarbeit in Ostbelgien, dass für gewisse Stellen keine oder nur vorübergehend Bewerberinnen oder Bewerber gefunden werden. Die ECOLO Fraktion stellt sich in diesem Zusammenhang jedoch die Frage, ob ein DG-eigener Studiengang tatsächlich eine gesicherte Antwort auf den Mangel an Fachkräften ist, oder ob man dieses Thema nicht auch inhaltlich betrachten und dabei die grundlegende Farge nach der Attraktivität des Berufes stellen muss.
Daher folgende Fragen, Frau Ministerin:
- Wie haben Sie bisher auf qualitativer Ebene auf diesen Mangel an Fachkräften in der Jugendarbeit geantwortet?  Anders gefragt: Was haben Sie bisher getan, diesen Beruf aufzuwerten und die Arbeitsbedingungen dort zu verbessern. 
- Planen Sie konkrete Maßnahmen zur Aufwertung des Berufes der Sozialarbeiter? 
 
Antwort von Isabelle Weykmans (PFF), Ministerin für Kultur und Beschäftigung:
 
Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Es ist effektiv so, dass eine Reihe von Stellen im Jugendsektor schwer mit geeigneten Kandidaten besetzt werden können. Aus diesem Grund wurde im REK II 2014 das Projekt „EINFÜHRUNG EINES ZERTIFIKATS DER DG ZUM JUGENDARBEITER“ vorgesehen.
Dazu heißt es: „Im Rahmen des REK I ist eine tiefgreifende Reform des Jugendsektors vorgenommen worden, die den Rahmen für eine wissensbasierte Jugendarbeit in der DG geschaffen hat. Zu den wichtigsten Multiplikatoren für die Umsetzung dieser Reform zählen die Jugendarbeiter. Sie stehen im direkten Kontakt mit den Jugendlichen. Dabei zeigt sich, dass es immer schwieriger wird, Menschen für diese abwechslungsreiche und spannende Aufgabe zu gewinnen. Daher soll eine spezifische Ausbildung angeboten werden, um diesen Fachkräftemangel in der DG zu beheben.“ Eine Feststellung aus dem breiten Konzertierungsprozess mit dem Sektor und die ständige Begleitungsarbeit über die Begleitausschüsse und die Wirksamkeitsdialoge haben deutlich gemacht, dass unter anderem mehr Angebote in der Aus- und Weiterbildung gewünscht sind, umso die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Regierung hat daher 2017 ein ESF-Projekt zur Ausarbeitung eines neuen ostbelgischen Bachelor-Studiengangs beschlossen. Wie Sie selber in Ihrer parlamentarischen Frage erwähnen, wurde im Ausschuss III bereits über diesen neuen Bachelorstudiengang diskutiert. Sie, Herr Niessen, haben dazu eine Interpellation hinterlegt, die in dieser Woche im Bildungsausschuss besprochen wird. Ich möchte daher, in Ergänzung zu meiner heutigen Antwort, auf die entsprechenden ausführlichen Erläuterungen meines Kollegen Harald Mollers verweisen.
Herr Niessen, Sie zweifeln in der Einleitung zur vorliegenden parlamentarischen Frage an, dass die Ausarbeitung dieses Bachelors tatsächlich eine gesicherte Antwort auf den akuten Fachkräftemangel im Jugendsektor sei. Stattdessen stellen Sie die These in den Raum, dass es vielmehr darum gehen müsse, die Attraktivität des Jobs zu erhöhen. Der Job des Jugendarbeiters ist sicherlich sehr herausfordernd und es können bestimmt weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen vorgenommen werden. Ich bleibe jedoch dabei, dass den aktuellen Herausforderungen zur Besetzung der vakanten Stellen am ehesten mit der Ausarbeitung einer qualitativ hochwertigen Ausbildung in Ostbelgien begegnet werden kann, da das Grundproblem nicht die Rahmenbedingungen des Jobs darstellen.
Es fehlen eben primär überhaupt geeignete und entsprechend qualifizierte Kandidaten für Neubesetzungen im Jugendsektor. Das ist nicht verwunderlich, da die Qualifikation des Sozialarbeiters/assistenten und des Erziehers (siehe Liste des ADG) seit vielen Jahren Mangelberufe in der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind. Ich erinnere daran, dass Artikel 5 §3 des Jugenddekrets vorsieht, dass ein Jugendarbeiter über ein Bachelorstudium mit soziopädagogischer Ausrichtung verfügen muss. Das Dekret ermöglicht aber auch, dass Personen eingestellt werden können, die im Besitz des Abiturs oder des Gesellenzeugnisses sind. Dies unter der Voraussetzung, dass sie eine ausreichende Animationspraxis nachweisen können und sich dazu verpflichten, nach der Anstellung als Jugendarbeiter eine Ausbildung im Bereich der Sozialpädagogik abzuschließen - wobei sich eine Ausbildung von einer Aneinanderreihung von Weiterbildungen oder Fortbildungen unterscheidet. Aus der dekretalen Ausnahme ist mittlerweile leider fast die Regel geworden. Denn es bewerben sich kaum noch Personen, wie eingangs erwähnt, die über die erforderlichen Diplome verfügen.
Daher ist es primär unsere Aufgabe, die Anzahl potentieller und adäquat ausgebildeter Kandidaten zu erhöhen. Dies wird auch von den Ergebnissen einer Arbeitgeberumfrage gestützt, die 2015 im Rahmen des REK-II-Projekts zum Fachkräftemangel im Jugendsektor durchgeführt worden ist. Es sind dabei sowohl Arbeitgeber des Jugendsektors als auch anderer Sektoren befragt worden, in denen mit jungen Menschen gearbeitet wird. Es wurde unter anderem gefragt, welche Anreize zur Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes beitragen könnten. Die Jugendeinrichtungen nannten dabei die folgenden Punkte:  Flexible Arbeitszeiten und Schichtmodelle, regelmäßige Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten und Begleitung der Beschäftigten sowie die Unterstützung bei der Berufswegplanung (Personalführung, …).  Die Arbeitgeber der anderen Sektoren, vor allem der Sozialbereich, gaben an: die allgemeinen Arbeitsplatzbedingungen, flexible Arbeitszeiten und Schichtmodelle sowie die Möglichkeit zur Teilzeitbeschäftigung.
 
Die Arbeit als Jugendarbeiter ist sehr abwechslungsreich, verfügt über einen hohen Grad an Autonomie und erfüllt eine gesellschaftlich bedeutende Aufgabe. Im Austausch mit dem Sektor versuchen wir zudem, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Ich möchte an dieser Stelle einige Punkte nennen, die unmittelbar bei den von den Arbeitgebern 2015 genannten Faktoren zur Steigerung der Attraktivität des Jobs ansetzen:
• Das Gehaltsbarema, auf dessen Grundlage die Entlohnung vorgenommen wird, ist vergleichbar mit dem Barema des Sozialsektors für Erzieher. Im Vergleich zum restlichen soziokulturellen Sektor zahlt der Jugendsektor relativ gut. Ich erinnere daran, dass die aktuellen Mindestbaremen der PK 329.02 72% der sogenannten Zielbaremen entsprechen. Die Gehälter des Jugendsektors liegen hier deutlich darüber. Zudem wird allen Jugendarbeitern dieses Barema direkt gewährt, auch wenn sie noch nicht über die erforderlichen Diplome verfügen.
• Zudem gewährleistet die öffentliche Hand eine 100%ige Personalbezuschussung des Jugendsektors, wobei die Deutschsprachige Gemeinschaft in der Regel 87,5% und die Gemeinden 12,5% der Kosten tragen.
• Wir investieren viel Zeit und Geld in die Aus- und Weiterbildung des Sektors. Mit dem neuen Jugenddekret wurde beispielsweise die Jugendkommission eingeführt, von deren großer Bandbreite an Aktivitäten sich der Ausschuss II selber am 17.10.2017 ein Bild machen konnte.
• Dem Sektor steht das Jugendbüro als zentraler Dienstleister zur Verfügung. Das Jugendbüro hat mit Inkrafttreten des Dekrets 2012 für die meisten OJA’s die Rolle des Arbeitgebers übernommen. Im Jugendbüro steht den Jugendarbeitern eine zentrale Anlaufstelle und in Person einer Middle-Managerin eine qualifizierte Ansprechpartnerin zur Verfügung. Von der Professionalität des Jugendbüros zeugt allein die Tatsache, dass es seit mehreren Jahren als Nationalagentur für das EU-Programm Erasmus+ für die Bereiche Jugend und Bildung verantwortlich ist.
• Auch wird gemeinsam mit den Gemeinden regelmäßig in die Infrastrukturen der Jugendarbeit sowie deren Ausstattung investiert.
• Zudem versucht das Ministerium, immer wieder aktuelle Bedarfe der Jugendarbeit proaktiv aufzugreifen und Unterstützung zu leisten:
o Am 26. März 2018 findet beispielsweise ein Workshop zum Thema „Smart Youth Work“ statt. Dort geht es darum, wie Jugendarbeit im digitalen Zeitalter aussehen kann.
o Im Juni 2018 wird der erste Jugendbericht Ostbelgiens vorliegen.
o Zudem haben wir quasi als Selbstverpflichtung fünf Jahre nach Inkrafttreten des Jugenddekrets proaktiv einen Evaluationsprozess angestoßen: Im März 2017 wurde die Vorgehensweise mit dem Sektor abgesprochen. Im Herbst 2017 wurde die Online-Umfrage durchgeführt, dessen Ergebnisse im Januar mit Vertretern des Sektors besprochen worden sind. Im Mai 2018 wird für den Jugendsektor eine Open-Space-Konferenz stattfinden. 
Sie sehen, wir sind offen für ganz neue Ansätze und immer darum bemüht, dem Sektor Unterstützung zu geben. Aus diesem Grund müssen wir dem Bedarf an Fachkräften im Jugendbereich nachkommen, um überhaupt genügend geeignete und motivierte Kandidaten für diesen wichtigen und spannenden Job des Jugendarbeiters auszubilden. Dafür gehen wir mit dem Bachelor wieder ganz neue Wege und sind bereit, viel Zeit, Kraft und Geld in ein solch komplexes Unterfangen wie die Ausarbeitung des neuen Bachelorstudiengangs zu stecken. Ich erinnere daran, dass im Rahmen des ESF-Projekts auch austariert werden soll, ob ein solcher Bachelor in Ostbelgien überhaupt funktionieren kann.
Im Interesse der Jugendarbeit – was mein Zuständigkeitsbereich betrifft – oder mit anderen Worten im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen in Ostbelgien ist eine maßgeschneiderte Ausbildung für den Jugend- und Sozialsektor ein wirklicher Mehrwert. Denn wo kein Jugendarbeiter eingestellt werden kann, dort finden keine Angebote und kein Treffleben statt. Wo die Treffs geschlossen bleiben, dort wird es schwer, etwas neu aufzubauen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
 
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