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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 276

6. Juli 2018 – Frage von M. Balter an Herrn Minister Antoniadis bezüglich des 25jährigen Jubiläums des Projektes Stundenblume

Die Stundenblume hat viele Anfragen. Gibt es weitere Initiativen mit ähnlichen Zielen? Wenn ja, werden auch diese von der Regierung unterstützt? Welche Ausbildung haben die Mitarbeiter der Stundenblume? Erhalten auch sie Weiterbildungen? Wie haben sich das Angebot der Stundenblume und die Annahme durch die Zielgruppe über die Jahre entwickelt? In welcher Gegend werden die Dienste am meisten nachgefragt?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Michael Balter (Vivant), vom 5. Juni 2018:
 
Im GrenzEcho vom 14.05.2018 wird von der „Stundenblume“ berichtet. Dieses Projekt des Landfrauenverbandes (Lfv), welches ins Leben gerufen wurde, um Menschen zusammenzubringen, feiert dieses Jahr sein 25jähriges Jubiläum.
Ehrenamtliche stellen ihre Zeit zur Verfügung, um weniger mobilen Menschen ab 65 Jahren zu helfen. Sie bieten ihnen eine Fahrgelegenheit, begleiten sie im Alltag wie z.B. beim Einkaufen oder schenken ihnen Aufmerksamkeit z.B. im Gespräch oder beim Spaziergang. Nicht nur die Senioren selbst würden dadurch eine Bereicherung erleben, sondern bei Pflegefällen würden außerdem die pflegenden Angehörigen entlastet.
Die Stundenblume definiert ihre Kernaufgabe wie folgt: Das Angebot richte sich vorrangig an zu Hause lebende Senioren ab 65 Jahren. So könne man sich in Zeiten steigender Anfragen besser von zielgruppenferne Anfragen abgrenzen.
Es gebe bei der Stundenblume 109 Ehrenamtliche in der gesamten Deutschsprachigen Gemeinschaft, die im Jahr 2017 mit 513 „Nutznießern“ ihre Zeit verbracht hätten. Die Stundenblume hätte insgesamt 6.000 Vermittlungen durchgeführt. Pro Vermittlung würden 3 EUR berechnet, wovon der/ die Ehrenamtliche 2 EUR erhalte und die Stundenblume 1 EUR. Darüber hinaus würden den Fahrdiensten die Fahrtkosten erstattet. Das Projekt beschäftige zwei Halbtagsangestellte und zwei Ehrenamtliche und würde von der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft bezuschusst.
Neben den Vermittlungen machen die Rekrutierung, Begleitung und Weiterbildung der Ehrenamtlichen einen Großteil des Tagesgeschäftes aus. Während die Rekrutierung eher schwierig und die Begleitung zeitaufwändig sei, würden Weiterbildungen auf die Interessen der Ehrenamtlichen sowie die Bedürfnisse der Nutznießer abgestimmt und organisiert.
„Aus der familiären Aufgabe der sozialen Integration wird zunehmend eine kollektive“ – Vivant-Ostbelgien konstatiert, dass minder mobile oder gar pflegebedürftige Senioren in unserer schnelllebigen Gesellschaft nur noch wenig Platz finden und schnell als Belastung wahrgenommen werden. Wir plädieren für mehr Menschlichkeit in unserer Gesellschaft, für eine Gesellschaft des „Miteinanders“ und schätzen die Arbeit der Stundenblume als sehr wertvoll.
 
In diesem Zusammenhang sind meine Fragen an Sie wie folgt:
– Die Stundenblume hat viele Anfragen. Gibt es weitere Initiativen mit ähnlichen Zielen? Wenn ja, werden auch diese von der Regierung unterstützt?
– Welche Ausbildung haben die Mitarbeiter der Stundenblume? Erhalten auch sie Weiterbildungen?
– Wie haben sich das Angebot der Stundenblume und die Annahme durch die Zielgruppe über die Jahre entwickelt?
– In welcher Gegend werden die Dienste am meisten nachgefragt?
 
Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:
 
Zuallererst möchte ich klarstellen, dass ich Ihrer Aussage, wonach „minder mobile oder gar pflegebedürftige Senioren in unserer schnelllebigen Gesellschaft nur noch wenig Platz finden und schnell als Belastung wahrgenommen werden“, nicht beipflichte. Dafür sorgen viele engagierte Menschen in Ostbelgien. Sowohl innerhalb der Familie als auch externe Dienste. Ihnen gebührt unser Dank und unsere Anerkennung.
Auch die Regierung setzt sich dafür ein, dass diese Menschen nicht als Belastung empfunden werden. Zahlreiche Aktivitäten wurden umgesetzt und Maßnahmen ergriffen, damit alle Personen in Ostbelgien aktiv am gesellschaftlichen Alltag teilhaben können, ganz unabhängig davon, ob sie alt, jung, beeinträchtigt oder nicht sind, oder ob es sich um hinzugezogene oder einheimische Ostbelgier handelt. Stichwort: inklusive Gesellschaft.
In diesem Zusammenhang von einer „Belastung“ durch diese Menschen zu sprechen, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Diese Menschen haben unsere Gesellschaft mit aufgebaut. Dieser Aussage kann ich also nicht zustimmen und finde es bedauerlich, wenn Sie so ein Bild unserer Gesellschaft zeichnen.
Zur Beantwortung Ihrer Fragen. Ein kurzer Überblick, was die Stundenblume ist und was sie seit 25 Jahren macht. Anschließend gehe ich auch auf ähnliche Initiativen ein!
Die Stundenblume ist ein Ehrenamtsprojekt des Landfrauenverbandes und hauptsächlich aktiv in der Unterstützung von Senioren über 65 Jahren bzw. im Pensionsalter. Zu den Aufgaben der Stundenblume zählen der begleitete Fahrdienst für weniger mobile Menschen, die Besuche und Betreuungen zu Hause sowie die Kranken- oder Nachtwachen. Diese Dienste und Dienstleistungen sind komplementär zu den professionellen Hilfsdiensten, die weitreichend durch die Deutschsprachige Gemeinschaft unterstützt werden.
Das Einzugsgebiet der Stundenblume umfasst alle Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft mit Ausnahme der Stadt Eupen – hier ist bekanntlich der Josephine-Koch-Service (JKS) aktiv.  Mit dem Ehrenamtsprojekt „Vergiss mein nicht“ des JKS werden in der Stadt Eupen auch ein Fahrdienst und ein Besuchsdienst angeboten. Darüber hinaus hilft der JKS auch bei der Erledigung von Korrespondenz und Behördengängen, organisiert Begegnungsnachmittage und die Betreuung beim Viertelessen in der Eupener Oberstadt und Kettenis sowie die Koordination der Fahrten des Seniorenbusses. Seit fast einem Jahr organisert der JKS auch noch ein weiteres Projekt mit dem Namen „Mittendrin“. Dieses Projekt befindet sich „mitten in Eupen“ und hat als Ziel, Senioren und Personen mit einem Unterstützungsbedarf vor der Isolation zu schützen, indem ganztägige Aktivitäten mit einem Mittagstisch angeboten werden.
Mit Hilfe des JKS konnten über diesen Weg viele Senioren u.a. folgende Angebote in Anspruch nehmen:
– Fahrdienst: 270 Fahrten
– Besuche in häuslicher Umgebung: 24
– Stadtteilessen Oberstadt und Kettenis: 338
– Begegnungsnachmittage: 877
– Koordination Seniorenbus: 3.153 beförderte Personen
Wie schon erwähnt, ist der JKS in der Stadt Eupen der erste Ansprechpartner. Für Anfragen außerhalb von Eupen spricht der Dienst sich mit der Stundenblume ab.
Der JKS beschäftigt in diesem Projekt 3 Hauptamtliche (2 Halbtagsstellen, 1 Stelle an 65%), die von insgesamt 79 Ehrenamtlichen unterstützt werden. Die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft hat dem JKS für das Jahr 2018 einen Zuschuss in Höhe von 27.384,48 EUR gewährt. Der Zuschuss an die Stundenblume beläuft sich hingegen für das Jahr 2018 auf 88.720,67 EUR. Beide Einrichtungen arbeiten darüber hinaus mit Spenden.
Eine weitere Initiative in diesem Bereich ist die Organisation Kornfeld. Kornfeld ist eine Vereinigung, die zum Ziel hat, die Einsamkeit und Isolation der alleinlebenden Menschen zu verhindern, die psychische Gesundheit zu fördern und vorbeugend Süchten entgegenzuwirken. Anders als bei den beiden vorher genannten Einrichtungen ist die Zielgruppe der Organisation „Kornfeld“ altersunabhängig. Die 110 Mitglieder von Kornfeld treffen sich mehrmals jährlich zu Freizeit- und Bildungsangeboten, die durch ehrenamtliche Mitarbeiter geplant und begleitet werden. Kornfeld ist verstärkt im Süden Obstbelgiens aktiv, da im Laufe der Zeit festgestellt wurde, dass das Risiko der Vereinsamung insbesondere aufgrund der eingeschränkten Mobilität im Süden verstärkt auftritt.
Wie Sie sehen, sind wir im Verbund mit unterschiedlichen Einrichtungen und Organisationen sehr aktiv mit diesem Thema beschäftigt und ich denke somit eingehend auf Ihre erste Frage geantwortet zu haben.
Somit möchte ich nun auf Ihre zweite Frage eingehen. Bei der Ausbildung der Mitarbeiter der Stundenblume, muss man richtigerweise zwischen den Hauptberuflichen und den ehrenamtlichen Helfern unterscheiden. Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Stundenblume haben eine vielfältige Ausbildung und somit vielseitige Profile. Das reicht von Diplomen der Unterstufe des Sekundarunterrichts bis hin zu einem Bachelordiplom, in Bereichen wie Sozialpädagogik bis hin zu angewandter Kunst.
Die Hauptamtlichen in den Büros in Sankt-Vith und Eupen werden jeweils durch eine Ehrenamtliche unterstützt. Im Büro in Büllingen sind zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen aktiv.
Beim Einstieg in die Ehrenamtlichkeit organisiert die Stundenblume für ihre neuen Ehrenamtlichen eine eintägige Basisschulung. Dabei werden Grundlagen vermittelt, die für ein Engagement bei der Stundenblume wichtig sind. Hier werden Themen wie die Kommunikation mit Senioren, der Umgang mit Menschen mit einer demenziellen Veränderung behandelt oder auch praktische Tipps bei der Hilfe eines Rollstuhlfahrers vermittelt. Des Weiteren organisiert die Stundenblume jährlich einige Weiterbildungen für alle Ehrenamtlichen. Seit 2016 bieten die Stundenblume und der Josephine-Koch-Service gemeinsam Weiterbildungen an, dies unter anderem um Ressourcen zu sparen und die Ehrenamtlichen verstärkt in den Austausch zu bringen. Im Jahr 2017 haben vier solcher Weiterbildungen stattgefunden.
Die organisierten Weiterbildungen geben den Ehrenamtlichen die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln, Selbstbewusstsein zu schaffen und sich spezielle Kenntnisse anzueignen. Die verschiedenen Weiterbildungsthemen finden Sie auf der Internetseite der Stundenblume. Hier können Sie auch immer über anstehende Schulungen und Weiterbildungen informiert werden.
Sie sehen die Stundenblume, genau wie die anderen Organisationen, legen großen Wert auf die interne Aus- und Weiterbildung ihrer hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter. Darüber hinaus organisierte die Stundeblume, in Zusammenarbeit mit dem JKS,  in den Jahren 2012, 2015 und 2017 ein Seniorenforum. Diese Tagungen schaffen den nötigen Raum, um die für Senioren relevanten, aktuellen Themen aufzugreifen. Schwerpunkte waren u.a. die Vorbereitung aufs Älterwerden, alternative Wohnformen oder demenzielle Erkrankungen.
Das Angebot der Stundenblume hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Seit 2010 wird dem Ministerium ein Tätigkeitsbericht vorgelegt. Das Angebot der Stundenblume bestand auch damals schon aus einem Fahrdienst und den Besuchen zu Hause. Seit 2014 haben wir darum gebeten, detaillierte Zahlen zu den einzelnen Einsätzen in Ostbelgien zu liefern.  Die Einsätze werden in 5 Kategorien aufgeteilt:
– Begleitung außer Haus: Begleitung zum Arzt, Einkaufen, Besuchen, Fahrten zur Tagesbetreuung, …
– Gesellschaft leisten: Gespräche führen, Gesellschaftsspiele, Spaziergänge, Besuch von Menschen mit Demenz
– Hilfe im Haus: beispielsweise bei administrativen Arbeiten
– Persönliche Hilfestellung: Beim Essen helfen, …
– Tag- oder Nachtwachen: passiv oder aktiv
 
Wie man anhand der Grafik erkennen kann, macht die Begleitung außer Haus den größten Teil der Einsätze aus. Gefolgt von den Einsätzen in der Kategorie „Gesellschaft leisten“.

Zusätzlich zu diesen individuellen Angeboten werden auch kollektive Aktivtäten organisiert. Hierzu gehören die gemeinsamen Seniorenforen und auch die Trauerbegleitung. Monatlich findet ein Treffpunkt für Trauernde statt, der durch eine ausgebildete Trauerbegleiterin geleitet wird. Außerdem hat die Stundenblume bereits zwei Seminare (2014 und 2016) zur Ausbildung von Trauerbegleitern durchgeführt. Ein drittes Seminar wird 2018 stattfinden. Es hilft den Haupt- und Ehrenamtlichen, die richtigen Worte des Trostes zu finden, wenn sie mit der tiefen Trauer von Nutznießern konfrontiert werden.

Die Selbstbestimmung eines jeden Menschen ist unser oberstes Gebot. So kann es durchaus sein, dass gewisse Menschen und Zielgruppen die Angebote nicht nutzen. Das kann vor allem daran liegen, dass sie auf ihr direktes und geografisch unmittelbares Umfeld zurückgreifen können. Wie ich es schon des Öfteren hervorgehoben habe, sind die pflegenden Angehörigen der größte Pflegedienst Ostbelgiens.
Folgende Grafik bietet Ihnen einen Überblick der Inanspruchnahme der angebotenen Dienste der Stundenblume:
 
Anzahl Personen mit Unterstützungsbedarf (= weniger mobile Menschen) nach Alterskategorien

Ich möchte mich abschließend im Namen der Deutschsprachigen Gemeinschaft recht herzlich bei all den haupt- und ehrenamtlichen Helfern bedanken, ohne die eine derart individuelle Betreuung und Begleitung der Senioren gar nicht möglich wäre.

Um nun abschließend auf Ihre vierte und letzte Frage einzugehen, nutze ich erneut eine Darstellung, die Ihnen sehr einfach und deutlich aufzeigt, wie die Verhältnisse in Bezug auf das Angebot der Stundenblume gelagert sind.

Die meisten Nutznießer der Studenblume kommen aus den Gemeinden Bütgenbach, Kelmis und Sankt-Vith.

 

 

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