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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 320

29. November 2018 – Frage von C. Servaty an Herrn Minister Antoniadis zum Präventionsplan gegen Kindesmisshandlung

Liegen für die Deutschsprachige Gemeinschaft verlässliche Zahlen zu der Anzahl der durch die Jugendhilfe und den Jugendschutz betreuten Kinder vor? Welche Maßnahmen gedenkt die Regierung der DG in diesem Zusammenhang zu ergreifen bzw. was wurde bereits getan?

Die nachfolgend veröffentlichten Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Charles Servaty (SP), vom 19. Oktober 2018:
 
Unter Berufung auf einen Artikel der Tageszeitung La Dernière Heure berichtete der BRF in der vergangenen Woche davon, dass Jugendhilfe und Jugendschutz der Französischen Gemeinschaft im vergangenen Jahr mehr als 7.500 Kinder (und damit insgesamt 20 %) betreut haben, bei denen ein Verdacht auf Kindesmisshandlung bestand oder sogar erwiesen war.
64 Prozent der betroffenen Kinder seien vernachlässigt. In 27 Prozent der Fälle ging es um körperliche, in 20 Prozent um seelische und in zehn Prozent der Fälle um sexuelle Misshandlungen.
Der für Jugendhilfe zuständige Minister Rachid Madrane hat in der Französischen Gemeinschaft nun das grüne Licht für einen Präventionsplan gegen Kindesmisshandlung erhalten. 750 Beamte sollen ausgebildet werden, um noch besser Anzeichen von Misshandlung erkennen zu können.
Für die SP-Fraktion ist der Schutz unserer Kinder eine der wichtigsten Aufgaben der Politik. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Hier müssen wir alle Anstrengungen unternehmen und dürfen wir keine Kompromisse eingehen.
 
Meine Fragen an Sie hierzu:
1. Liegen für die Deutschsprachige Gemeinschaft verlässliche Zahlen zu der Anzahl der durch die Jugendhilfe und den Jugendschutz betreuten Kinder vor?
2. Welche Maßnahmen gedenkt die Regierung der DG in diesem Zusammenhang zu ergreifen bzw. was wurde bereits getan?
 
Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:
 
• Statistiken
Hier ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen den Begleitungen des Jugendhilfedienstes und denen des Jugendgerichtdienstes. Es ist durchaus möglich, dass begleitete Fälle des Jugendhilfedienstes auch bei der Begleitung durch den Jugendgerichtsdienst aufgeführt werden (falls sich im Laufe der Zeit die Aktenlage verändert hat z.B.)
 
Jugendhilfedienst
 
• Anzahl Kinder
Der Jugendhilfedienst führt Familienakten. Somit kann die Intervention des Jugendhilfedienstes in einer Situation/Familie mehrere Kinder betreffen. Die Entwicklung der Anzahl der Kinder in den begleiteten Familien von 2012-2017 ist in der folgenden Tabelle dargestellt:
Anzahl Kinder/Familie 2012 2013 2014 2015 2016 2017
1 Kind 120 126 129 142 136 117
2 Kinder 110 99 107 123 126 127
3 Kinder 51 52 42 37 48 52
4 Kinder 26 22 19 20 25 21
5 Kinder 7 7 8 9 4 2
mehr als 5 Kinder 4 5 3 3 4 4
Gesamtergebnis Anzahl Kinder 658 632 603 652 684 660

2017 begleitete der Jugendhilfedienst insgesamt 660 Kinder in insgesamt 325 Familien. Das sind 4,2% der insgesamt 15.647 ostbelgischen Kinder zwischen 0-18 Jahren. Die vermutete oder erwiesene Kindesmisshandlung/Vernachlässigung wurde in insgesamt 140 Fällen festgestellt.

Konkret verteilen sich die Fälle wie folgt:
53 Fälle von seelischer und/oder körperlicher Vernachlässigung;
72 Fälle von seelischer und/oder körperlicher Gewalt;
15 Fälle von sexuellem Missbrauch/Übergriffen.
 
Jugendgerichtsdienst
 
• Anzahl Kinder
 
Der Jugendgerichtsdienst wird ausschließlich durch die Justizbehörden (Staatsanwaltschaft, Jugendgericht, Generalstaatsanwaltschaft, Appellationshof) mit der Betreuung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien beauftragt.
Von 2012-2017 bearbeitete der Jugendgerichtsdienst pro Jahr durchschnittlich 139 Akten und begleitete insgesamt 272 Kinder und Jugendliche. Seit 2012 ist ein ständiger Anstieg der durch den Jugendgerichtsdienst begleiteten Kinder festzustellen.
 
Die nachfolgende Grafik zeigt die Anzahl der bearbeiteten Akten (eine Akte pro Kind) von 2012-2017:2018.11.29.Schriftliche Frage Nr.320 Bild 1

2017 hat der Jugendgerichtsdienst 158 Kinder begleitet. Die vermutete oder erwiesene Kindesmisshandlung/Vernachlässigung lag in insgesamt 94 Fällen vor.

Im Detail handelt es sich um:
• 53 Fälle von seelischer und/oder körperlicher Vernachlässigung;
• 36 Fälle von seelischer und/oder körperlicher Gewalt;
• 5 Fälle von sexuellem Missbrauch/Übergriffen.
 
 
Frage 2: Maßnahmen gegen Kindesmisshandlung/Vernachlässigung
 
Wenn es um das Wohl unserer Kinder geht, macht die Regierung keine Kompromisse. Seit vielen Jahren sind wir gemeinsam mit den betroffenen Diensten aktiv, um Kindesmissbrauch möglichst abzuwenden bzw. zeitnah bei Vorfällen einzugreifen und die Opfer zu schützen und zu begleiten.
 
• AG Leuchtturm
Ein zentraler Stakeholder ist die Arbeitsgruppe „Leuchtturm“. Sie setzt sich intensiv mit dem Thema „sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ auseinander und hat in diesem Rahmen einen Leitfaden für Fachkräfte und Berater in sozialen Diensten und einen Leitfaden für Lehrer und Schulpersonal entwickelt („Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche: Was tun bei Verdachtsfällen?“). Der Leitfaden gibt Ideen, Ansätze und Anregungen zum Weiterdenken sowie konkrete Handlungsempfehlungen. Er soll Lehr-und Fachkräften bei Verdachtsfällen mehr Sicherheit im Umgang mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen geben.
Ferner organisierte die Arbeitsgruppe im Herbst zwei Informationsabende für Tagesmütter zum Thema „Was tun bei Vermutung von sexueller Gewalt gegen Kinder?“: in Sankt-Vith (ca. 22 Teilnehmer) und in Eupen (ca. 35 Teilnehmer).
Die Arbeitsgruppe „Leuchtturm“ organisiert zudem auf Anfrage Weiterbildungen zum Umgang bei Vermutung von sexueller Gewalt gegen Kinder. Neben den Weiterbildungen bietet die Arbeitsgruppe „Leuchtturm“ eine anonyme Beratung für Fachkräfte aus Ostbelgien an, die mit einer Situation von sexueller Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche konfrontiert sind und Unterstützung benötigen. Während diesen Beratungsterminen wird gemeinsam überlegt, wie die betroffenen Personen auf die Situation reagieren bzw. wie sie vorgehen können.
 
• Ausblick
Im zweiten Halbjahr 2019 wird die Arbeitsgruppe „Leuchtturm“ die Aufführung eines Präventionstheaterstückes gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen im Grundschulalter mit dem Titel „Ganz schön blöd!“ organisieren.
Weitere Veranstaltungen für das Fachpublikum sind angedacht. Die entsprechenden Konzepte werden zurzeit ausgearbeitet.
 
 Begleitung des Jugendhilfe- und Jugendgerichtsdienstes
Der Jugendhilfe- und Jugendgerichtsdienst befassen sich auch mit Fällen von seelischer und körperlicher Vernachlässigung/Gewalt sowie von sexuellem Missbrauch. Selten geht es dabei um isolierte Schwierigkeiten, sondern meist um eine Kombination verschiedener Probleme.
Im Rahmen der Jugendhilfe- und Jugendschutzmaßnahmen arbeiten der Jugendhilfe- und der Jugendgerichtsdienst mit anderen spezialisierten Diensten zusammen.
Im Bereich der Kindesmisshandlung/Vernachlässigung können verschiedene Maßnahmen vereinbart bzw. angeordnet werden, unter anderem:
• ambulante Begleitungen: z.B. durch das Mosaik-Zentrum, Dreiland Jugendhilfe VoG, Courage VoG oder durch sozial-pädagogische Außenbegleitungen (SPA) im Ausland. Diese ambulanten Begleitungen können alternative Verhaltensweisen der Eltern fördern und sie bei ihrer Erziehung unterstützen und dadurch einer Gefährdung des Kindes vorbeugen oder eine Eskalation verhindern.
• psychotherapeutische Begleitungen: diese werden in erster Linie vom Beratungs- und Therapiezentrum (BTZ) und in einigen Fällen von selbständigen Therapeuten geleistet. Auch werden vermehrt ambulante Hilfen von selbstständigen, anerkannten Jugendhilfeanbietern gewährleistet.
• stationäre Unterbringungen: wenn die Entwicklung und das Wohl des Kindes in seinem familiären Umfeld gefährdet sind und keine anderen Maßnahmen dieser Gefährdung entgegenwirken können, können stationäre Unterbringungen vereinbart bzw. angeordnet werden. Diese werden z.B. durch das Mosaik-Zentrum, die SIA VoG, Dreiland Jugendhilfe VoG, Courage VoG, Pflegefamilien oder Projekte und Einrichtungen im Ausland oder in der Französischen Gemeinschaft gewährleistet.
• Weiterbildung der Mitarbeiter
Wir setzen seit Langem bereits auf die Weiterbildung der Fachkräfte, damit sie in Verdachtsfällen noch besser reagieren können. Deshalb nehmen die Sozialarbeiter seit Jahren regelmäßig Weiterbildungen und Supervisionen unter anderem zum Thema der Kindesmisshandlung/Vernachlässigung in Anspruch. So werden sie bestmöglich vorbereitet und können auch im Wohle der Kinder handeln und reagieren.
Alle diese Maßnahmen wird die Regierung in Zukunft weiterführen und bei Bedarf weiterentwickeln. Das Wohl unserer
 

 

 

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