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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 342

14. März 2019 – Frage von M. Balter an Herrn Minister Antoniadis zur Zahnpflege der Jugendlichen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Gibt es zu dieser Thematik der Zahnarztbesuche von Jugendlichen auch Zahlen konkret für die Deutschsprachige Gemeinschaft? Falls ja, wie sehen diese aus? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus im Vergleich zu den landesweiten Statistiken ziehen? Auf welchen Wegen werden die Jugendlichen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft momentan auf die Notwendigkeit einer guten Zahnhygiene hingewiesen? Werden in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft Maßnahmen ergriffen, um die Schülerinnen und Schüler auf die Wichtigkeit einer guten Mund- und Zahnpflege hinzuweisen? Falls ja, wie sehen diese Maßnahmen aus? Falls nein, warum nicht?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für
Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Michael Balter (Vivant), vom 7. Februar 2019:
 
Das GrenzEcho berichtete am 06. Januar 2019 über eine Debatte in der föderalen Kammer über die Zahnhygiene der jungen Belgier. Anstoß dieser Debatte waren von der N-VA veröffentliche Statistiken, wonach lediglich 25% der junge Flamen, 16% der jungen Wallonen und nur 11% der junge Brüsseler eine jährliche Kontrollvisite beim Zahnarzt wahrnehmen.
Gesundheitsministerin De Block konterte diese Behauptungen und verwies ebenfalls auf Statistiken, wonach die Anzahl der Jugendlichen, die in Flandern einen Zahnarzt aufsuchen, bei 70,5%, in Brüssel bei 58,5% und in der Wallonie bei 61,6% liegen. Grund für diese Unterschiede ist die Tatsache, dass in den Statistiken der N-VA lediglich die Jugendlichen berücksichtigt werden, die während eines Zeitraums von fünf Jahren jährlich eine Visite beim Zahnarzt wahrnahmen. Der Verband der frankophonen Zahnärzte hat ebenfalls zu diesem Thema Stellung bezogen und beteuert, dass die Zahlen der N-VA falsch seien.
Die Vivant-Fraktion unterstreicht, dass eine adäquate Zahnpflege für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen unerlässlich ist.
 
In diesem Zusammenhang sind meine Fragen an Sie wie folgt:
1. Gibt es zu dieser Thematik der Zahnarztbesuche von Jugendlichen auch Zahlen konkret für die Deutschsprachige Gemeinschaft? Falls ja, wie sehen diese aus? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus im Vergleich zu den landesweiten Statistiken ziehen?
2. Auf welchen Wegen werden die Jugendlichen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft momentan auf die Notwendigkeit einer guten Zahnhygiene hingewiesen?
3. Werden in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft Maßnahmen ergriffen, um die Schülerinnen und Schüler auf die Wichtigkeit einer guten Mund- und Zahnpflege hinzuweisen? Falls ja, wie sehen diese Maßnahmen aus? Falls nein, warum nicht?
 
Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:
 
1. Gibt es zu dieser Thematik der Zahnarztbesuche von Jugendlichen auch Zahlen konkret für die Deutschsprachige Gemeinschaft? Falls ja, wie sehen diese aus? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus im Vergleich zu den landesweiten Statistiken ziehen?
Zunächst einmal möchte ich der Aussage von Ministerin de Block beipflichten, denn die von der N-VA aufgeführten Ergebnisse sind so nicht korrekt, da nur Zahlen von Jugendlichen berücksichtigt wurden, die über eine Periode von fünf Jahren jedes Jahr zum Zahnarzt gegangen sind. Wer nur ein Jahr aussetzt, wird in diesen Zahlen nicht mehr berücksichtigt.
Für die Deutschsprachige Gemeinschaft gibt es allerdings keine spezifischen Statistiken zu den Zahnarztbesuchen von Kindern und Jugendlichen. Jedoch hat die CKK Zahlen Ihrer 3-18 jährigen Mitglieder erfasst, durch die ein Trend deutlich wird. Die Anzahl Kinder und Jugendliche, die mindestens 1 Mal im Jahr den Zahnarzt aufgesucht haben, haben von 2013 bis 2017 einen Aufwärtstrend verzeichnet - von 53,6% auf 58,3%. Für 2018 konnten noch keine definitiven Zahlen ermittelt werden. Bei diesen Zahlen ist jedoch auch zu berücksichtigen, dass es sich nur um Angaben einer Krankenkasse handelt, somit nicht die komplette Bevölkerung der Deutschsprachigen Gemeinschaft erfasst wird und bei dieser Statistik auch nur die erfasst wurden, die in diesem Jahr zum Zahnarzt gegangen sind.
 
2. Auf welchen Wegen werden die Jugendlichen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft momentan auf die Notwendigkeit einer guten Zahnhygiene hingewiesen?
3. Werden in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft Maßnahmen ergriffen, um die Schülerinnen und Schüler auf die Wichtigkeit einer guten Mund- und Zahn-pflege hinzuweisen? Falls ja, wie sehen diese Maßnahmen aus? Falls nein, warum nicht?
Die Verbesserung der Mund- und Zahnhygiene von Kindergarten- und Schulkindern ist seit 25 Jahren Teil der Präventionspolitik. Hierbei fungiert das Zentrum für die gesunde Entwicklung der Kinder und Jugendlichen „Kaleido-Ostbelgien“ als erster Ansprechpartner und stellt jedes Jahr zum neuen Schuljahr ein neues Konzept zur Zahnpflege in Ostbelgien auf die Beine. Dies wurde auch in den letzten Jahren auf dem gesamten Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft umgesetzt.
 
Das Konzept zur Zahnpflege für die Jahre 2018-2019 sieht dabei drei wichtige Aufgabenbereiche vor:
1. Animationen: Übermittlung von Information sowie Sensibilisierung zur Mund- und Zahnhygiene im letzten Kindergartenjahr sowie bei Schulkindern bis einschließlich zum 2. Primarschuljahr. Es finden pro Klasse zwei Animationen statt, mit einer Mindestzwischendauer von vier Monaten. Dabei werden inhaltliche Aspekte wie die Mundhygiene, Zahnputztechnik, der Zahnarztbesuch, Getränke, Ernährung und Bewegungseinheiten berücksichtigt.
2. Spezifische Begleitung: Kinder mit motorischen Problemen oder bei der Feststellung einer mangelnden Mundhygiene werden auf Empfehlung der Ärztin und/oder Krankenpflegerinnen weitergeleitet an die zuständige Assistentin für Gesundheitsförderung, welche das Kind in der Folge spezifisch bei der Verbesserung der motorischen Fertigkeiten bzw. der Mundhygiene begleitet.
3. Beratung und Sensibilisierung der Eltern: Universelle Maßnahme im Rahmen der zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern des zweiten und dritten Kindergartenjahres. Die Gelegenheit wird genutzt, um mit den Eltern in Kontakt zu treten und ihnen die richtige Zahnputztechnik oder Informationen zur zahnfreundlichen Ernährung zu geben.
Auf Basis der letzten Auswertung des Programms zur Schulzahnpflege im Schuljahr 2017-2018 können wir mitteilen, dass insgesamt 3.128 Schüler und Schülerinnen zwei Animationen zur Mund- und Zahnhygiene erhalten haben. Das sind etwas weniger als in den Jahren 2016 und 2017 (3.200 Kinder), was aber durch die rückläufige Schülerzahl zu erklären ist. Diese Schüler verteilen sich auf etwa 354 Animationen. Darüber hinaus wurden 66 Schüler und Schülerinnen spezifisch in Form von Nachhilfeangeboten begleitet und insgesamt 377 Kinder wurden im Rahmen der Sehtests erreicht und aufgeklärt. Zu bemerken ist hierbei, dass im Schuljahr 2017-2018 zum letzten Mal die Sensibilisierungsarbeit im Rahmen der Sehtests angeboten wird, da hierbei insgesamt das Thema der Zahnhygiene und vor allem praktische Übungen, aufgrund fehlender zeitlicher Ressourcen, zu kurz kommen. Das führte zu dem oben aufgeführten Punkt 3.
Für die Auswertung, die seitens der Lehrer erfolgt, können wir erst nach Abschluss des Schuljahres 2020 neue Zahlen vorlegen. Dennoch können wir auf der Grundlage der letzten Auswertung auch hierbei überwiegend positive Rückschlüsse ziehen. 95 Prozent der Lehrer haben (in 2015-2016) beispielsweise die „Animationen“ als sehr gut empfunden und lediglich fünf Prozent „nur“ mit „gut“ bewertet. Dies ist eine Steigerung von zwei Prozent (2015-2016: 93 Prozent). Dabei stechen insbesondere die Vielfältigkeit und die Abwechslung beim Anschauungsmaterial sowie bei der Durchführung der
Animationen heraus. Zur verbesserten Evaluation konnten von den Lehrern für spätere Animationen Vorschläge eingereicht werden, die in das neue Schuljahr mit eingeflossen sind (z.B. elektrische Zahnbürste). Ein wenig kritisch ist lediglich die Aufklärung im Rahmen der Sehtests zu beachten, da die praktische Durchführung des Zähneputzens etwas kurz kommt (2,7%). Daraus hat Kaleido jedoch genau die richtigen Schlüsse gezogen, in dem im Schuljahr 2018-2019 die Animation im Rahmen der Sehtests gestrichen und durch die universelle Beratung im Rahmen der zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ersetzt wurde.
Interessant ist auch die Tatsache, dass eine gesunde Mund- und Zahnhygiene immer auch abhängig ist von dem Thema „gesunde Ernährung“. Neben den allgemeinen gesundheitsfördernden Angeboten von Kaleido-Ostbelgien im Rahmen gesunder Ernährung lief im Schuljahr 2017-2018 ein Pilotprojekt namens „Fit mit Kalli“, hauptsächlich in den Servicestellen Kelmis, welches dazu dient, Kindern und Eltern mehrere neuere Maßnahmen in der Gesundheitsförderung (Bewegung, Ernährung, Zahngesundheit, etc.) in Ostbelgien näher zu bringen. Das Pilotprojekt enthält in der Summe fünf Maßnahmen, von denen lediglich die ersten beiden aufgrund des niedrigeren Aufwands an allen Servicestellen angeboten werden. Zu den fünf Maßnahmen zählen:
 
1. Ein flächendeckendes Obstangebot für Kinder und Jugendliche im Rahmen der schulischen Gesundheitsuntersuchungen, in der Wartezeit; zur Sensibilisierung der Bedeutung von Obstkonsum sowie der Ernährungsplanung innerhalb eines Tages.
 
2. „24 Stunden mit Kalli“: Ein illustriertes Faltblatt ohne Text, welches dazu dient, einen gesunden Tag zu dokumentieren (nicht nur mit Blick auf die Ernährung, sondern auch der Schlaf etc.)
 
3. Angebot einer kostenlosen zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung für Kinder der letzten beiden Kindergartenjahre, die noch nie beim Zahnarzt waren oder im Rahmen der medizinischen Untersuchung von Kaleido im 2. Kindergartenjahr Karies festgestellt worden war. Dieses Angebot wird jeweils mittwochsnachmittags in der Servicestelle Kelmis angeboten.
Insgesamt gab es 104 Anmeldungen. 87 Kinder der Zielgruppe haben den Termin tatsächlich wahrgenommen (84%) und drei Geschwisterkinder, außerhalb der Zielgruppe wurden ebenfalls untersucht. Somit wurden insgesamt 90 Kinder untersucht.
 
  Gesamtzahl, die eingeladen wurden Gesamtzahl Kinder die gekommen sind
%
2KG 192 53 27,6%
3KG 189 34 18%
TOTAL 381 87 22,8%
Die Hälfte der Kinder, die das Angebot wahrgenommen haben, waren noch nie beim Zahnarzt. Von den 46 Kindern, die bereits zuvor den Zahnarzt besucht hatten, waren:
• 67% der Kinder zu einem Vorsorgetermin gegangen
• 7% wegen eines Unfalls zum Zahnarzt gegangen
• 7% wegen akuten Schmerzen zum Zahnarzt gegangen
• 9% aus anderen Gründen zum Zahnarzt gegangen
59 Kinder, die das Angebot von Kaleido wahrgenommen haben - das sind rund 65 Prozent - haben noch nie einen Vorsorgetermin gehabt.
Zudem wurde bezüglich des Zähneputzens festgestellt, dass
60% der Kinder ihre Zähne morgens und abends putzen;
21% ihre Zähne nur morgens putzen;
14,5% ihre Zähne nur abends putzen;
4,5% ihre Zähne nie putzen.
 
Unter anderem führten diese Aspekte dazu, dass bei 1/3 der untersuchten Kinder (31 Kinder) Karies festgestellt wurde. Insgesamt sind 144 kariöse Zähne entdeckt worden. Dies entspricht einem Durchschnitt von 4,6 kariösen Zähnen pro Kind. Zwei Kinder hatten bereits einen und vier Milchzähne verloren. Zwei Kinder hatten bereits Füllungen (in jeweils einem und in drei Zähnen). Zwei Kinder hatten bereits endgültige Zähne vorhanden (2 und 4 Zähne). 41% der Kinder hatten Zahnfehlstellungen, kein Kind war diesbezüglich bereits in Behandlung. 10% der Kinder hatten Zahnstein und ebenfalls 10% der untersuchten Kinder hatten ein leicht entzündetes Zahnfleisch.
Aus diesen Gründen wurde bei 62% der Kinder ein zeitnaher Zahnarzttermin für eine Behandlung empfohlen. Den restlichen 38% wurde empfohlen, einen Zahnarzt innerhalb von 6 Monaten aufzusuchen, um die regelmäßige Kontrolle durchzuführen. 17 von 31 Kindern sind tatsächlich zum Zahnarzt gegangen und haben sich behandeln lassen (Stand 19.09.2018). Bei 2 Kindern steht ein Termin fest, 6 Kinder waren noch nicht beim Zahnarzt und 6 Kinder (4 Familien) konnten nicht erreicht werden.
 
4. Kostenlose Koch- und Bewegungsateliers für Kinder, Jugendliche und Eltern (1x im Monat an einem Mittwochnachmittag)
Von 8 geplanten Kochateliers fanden 7 statt. Hier wurden insgesamt 85 Kinder erreicht und 33 Erwachsene (teilweise wurde an mehreren Ateliers teilgenommen).
 
5. Begleitung von Kindern mit Übergewicht, als Angebot, um herauszufinden, ob die Problematik bei den Kindern eher im Bereich der psychosozialen Gesundheit oder bei der Ernährung liegen, diese anzugehen und ein gesünderes Verhalten an den Tag zu legen.
Aufgrund des Erfolgs des Pilotprojekts und dessen Maßnahmen wurde das Angebot im September 2018 erweitert. Die Maßnahmen 3,4 und 5 werden seitdem nicht nur in Kelmis, sondern auch in Eupen angeboten.
Im Bereich der Mund- und Zahnhygiene ist jedoch noch viel Handlungsbedarf. Denkbar wäre die Schaffung einer Arbeitsgruppe zwischen den verschiedenen Einrichtungen, wie Kaleido-Ostbelgien, dem PRT und den hiesigen Zahnärzten zur Bewerbung der Zahn-und Mundhygiene bei Kindern und Jugendlichen. Da die Statistiken nicht repräsentativ sind, bleibt abzuwarten, wie sich das Konzept zur Zahnpflege, einhergehend mit einer verbesserten gesunden Ernährung, in den nächsten Jahren bewähren wird. Insbesondere da eine gesunde Ernährung auch für eine gesunde Mund- und Zahnhygiene förderlich ist.
Mit dem Konzept zur Gesundheitsförderung sowie dem seit dem 15. März 2018 laufenden Projektaufruf sind wir auf dem richtigen Weg. So wurde ganz aktuell zum Beispiel einem Projekt des Hauses der Familie (Frauenliga VoG) zugestimmt, welches sich mit der gesunden Ernährung bei heranwachsenden Kindern und Jugendgruppen in der Zielgruppe „Familie“ auseinandersetzt. Dies wird hoffentlich einen positiven Einfluss auf die Mund- und Zahnhygiene der Kinder und Jugendlichen in Ostbelgien haben.

 

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