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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 1

23. Juli 2019 – Frage von M. Balter an Herrn Minister Antoniadis bezüglich der Langzeitkranken

Ist der nationale Trend ebenfalls in der DG wiedererkennbar?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Michael Balter (Vivant), vom 19. Juni 2019:
 
Am 18.03.2019 meldete das GrenzEcho eine Rekordanzahl Langzeitkranke in Belgien: 415.000 Menschen waren es am 01.06.2018, 71.000 mehr als zu Beginn der letzten Legislaturperiode 2014. Die damalige föderale Gesundheitsministerin Maggie De Block (Open VLD) begründete dies mit der Alterung der Bevölkerung hin.
Die Vivant-Fraktion sieht diese Entwicklung mit Sorge. Zwar ist jeder Mensch zunächst einmal für sich und sein Wohlbefinden selbst verantwortlich, aber die sich häufenden Fälle von Langzeitkrankheit zeigen, dass dies in vielen Fällen nicht klappt. Wo die Prävention und ein interdisziplinärer Austausch der Gesundheitsdienstleister wichtig wären, zielt die staatliche Gesundheitsförderung hauptsächlich auf die Behandlung von Krankheiten durch einseitige Maßnahmen. Wir sehen gerade bei Langzeitkranken eine Sackgasse durch die Symptombehandlung, die nicht fruchten kann, wenn die Ursachen nicht geändert werden. Nur wenn die Moral der Menschen gefördert wird, d.h. Psychotherapie begleitend neben der Behandlung der eigentlichen Krankheit, können die Menschen den Willen entwickeln, aus dem Zustand zu entkommen und wieder voll am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Die DG ist zuständig für die Gesundheitsprävention, somit liegt auch in ihren Zuständigkeiten eine Verantwortung diesen Menschen gegenüber.
 
Diesbezüglich sind meine Fragen an Sie wie folgt:
1. Ist der nationale Trend ebenfalls in der DG wiedererkennbar? Bitte fügen Sie aktuelle Zahlen zu der Anzahl Langzeitkranker in der DG an. (Da die Gesundheitsprävention in ihrem Zuständigkeitsbereich liegt bitten wir um keine ausweichenden Antworten oder Verweise.)
2. Sollte nicht in der Medizin der interdisziplinäre Austausch zwischen Ärzten und anderen Therapeuten gefördert werden? Wie ist Ihre Ansicht hierzu?
3. Prävention ist wichtiger denn je. Eine gesunde Lebens- und Arbeitsumgebung ohne Schadstoffe und ohne Stress muss das Ziel sein. Welche konkreten Maßnahmen kann die Regierung in diesem Bereich auflisten? Und wie wird dies der Jugend in der DG vermittelt?
 
Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:
 
1) Die Gesundheitsprävention ist zweifellos Teil der Zuständigkeiten der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Für den Bereich der langzeiterkrankten Personen ist allerdings das föderale Landesinstitut für Kranken- und Invalidenversicherung (LIKIV) zuständig. Bei diesem befinden sich die aktuellen Zahlen und Statistiken zu langzeiterkrankten Personen. Ich bitte Sie demnach höflichst beim LIKIV, der zuständigen Einrichtung für diese Materie, die von Ihnen gewünschten Zahlen anzufragen.
Es ist jedoch wissenswert, dass das LIKIV zur Thematik der langzeiterkrankten Personen auch jährliche Studien erstellt:
https://www.inami.fgov.be/fr/publications/Pages/etude_incapacite_si.aspx
 
2) Der interdisziplinäre Austausch ist ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung der Patienten. Die Förderung des Austauschs zwischen Ärzten und anderen Therapeuten liegt jedoch außerhalb meiner Zuständigkeiten und Befugnisse. Folglich kann ich Ihnen nur empfehlen, das föderale Gesundheitsministerium und/oder das LIKIV für Informationen zu den föderalen Aktivitäten im Bereich des „Interdisziplinären Austausches zwischen Ärzten und anderen Therapeuten“ zu kontaktieren.

Erwähnenswert an dieser Stelle ist, dass die föderale Gesundheitsministerin, Maggie de Block, bereits in der vergangenen Legislaturperiode Maßnahmen zum Thema Qualität und Interdisziplinarität in einem Gesetzesvorschlags präsentiert hat. Dieser Vorschlag wurde am 22. April 2019 in Form eines Gesetzes („à la qualité de la pratique des soins de santé“) verabschiedet.
Dennoch befürworte ich ausdrücklich die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Ostbelgien durch verschiedene Organisationen:
 
  1. Im Bereich der Palliativpflege unterstützt der Palliativpflegeverband (PPV) die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Akteuren, die eine Person mit Palliativpflegebedarf begleiten. Der PPV bietet eine umfassende Behandlung und Pflege von Palliativpatienten durch ein multidisziplinäres Team. Ziel ist die Wahrung einer bestmöglichen Lebensqualität der Patienten und ihrer Bezugspersonen. Dabei werden auch die physischen, psychologischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse des einzelnen berücksichtigt. Der PPV begleitet diese Menschen in der letzten Lebensphase in ihrem häuslichen Umfeld. Er unterstützt somit alle vor Ort tätigen Erstversorger, die Hausärzte und Bezugspersonen bei der Palliativpflege. Außerdem bietet der PPV in Zusammenarbeit mit den vor Ort tätigen Erstversorgern die Koordination und Organisation der verschiedenen Leistungen der Palliativpflege an.
  2. Im Bereich Personen mit Unterstützungsbedarf unterstützt die Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben (DSL) den interdisziplinären Austausch im Rahmen Ihres Case-Managements.
  3. Eine weitere ostbelgische Initiative ist die Implementierung des BelRAI. Hierbei handelt es sich um eine strukturierte, elektronische und globale Evaluation der Ressourcen und Defizite einer Person mit einem komplexen Pflegebedarf. Ziele des BelRAI sind:
  • Die Zusammenarbeit der verschiedenen Gesundheitsdienstleister
  • Die Unterstützung dieser Multidisziplinarität mit einem einheitlichen Instrument
  • Kontinuität der Versorgung zu gewährleisten
  • Eine Qualitätssicherung und -verbesserung
BelRAI wird in den kommenden Jahren schrittweise in die ostbelgische Gesundheitslandschaft, auch im Rahmen der Gesundheitsplanung, integriert. Bereits jetzt arbeitet die DSL mit dieser Anwendung. Projekte zur Implementierung sind 2019 vorgesehen.
  1. Zudem wurde bei der Kompetenzübernahme im Rahmen der 6. Staatsreform bei den Wohn- und Pflegezentren für Senioren (WPZS), dem Psychiatrischen Pflegewohnheim (PPH), dem Begleiteten Wohnen Ostbelgiens (BWO) und dem Beratungs- und Therapiezentrum (BTZ), Wert auf die interdisziplinäre Arbeit gelegt. Im Fokus steht dabei insbesondere die Netzwerkarbeit. So muss ein WPZS beispielsweise eine Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus vorsehen, das BTZ wiederum die Zusammenarbeit mit anderen Diensten dieses Bereichs, wie z.B. Kaleido Ostbelgien.
3) Die Frage der gesunden Lebens- und Arbeitsumgebung ohne Schadstoffe und ohne Stress und die damit in Verbindung stehende Präventionsarbeit hat eine Tragweite, die von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, und demnach nicht einfach zu beantworten ist. Es handelt sich hierbei um fundamentale Gesellschaftspolitik, bei der alle Akteure von Politik und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten sollten. Neben den verschiedenen Akteuren der Gesellschaft obliegt auch es jedem Individuum selbst diesbezüglich nach Lösungen zu finden
Aus diesen Gründen erscheint auch eine allgemein gehaltene Präventionsarbeit wenig sinnvoll. Präventionsarbeit in diesem Bereich kann nur Wirkung zeigen, wenn diese in einer gezielten, angebrachten und angepassten Form umgesetzt werden kann.
In diesem Sinne wird der Bevölkerung Ostbelgiens, die Schaffung von gesunden Lebensbedingungen unserer Bevölkerung schon von Beginn an nahegelegt. Ich erläutere Ihnen nun einige Darstellungen spezifischer Präventionskampagnen, die seitens der Regierung unterstützt werden. Diese beziehen sich auf den Bereich der Jugend, aber auch auf die allgemeine Bevölkerung.
 
Die Schaffung von gesunden Lebensbedingungen ist eines der wichtigsten Ziele von Kaleido Ostbelgien. Ein konkretes Beispiel ist z.B. das Thema „Toxischer Stress“. Dieser wird unter anderem durch schwere negative Kindheitserfahrungen hervorgerufen. Zu den negativen Kindheitserfahrungen zählen Missbrauch, Vernachlässigung und ein dysfunktionales familiäres Umfeld (Drogensucht, psychische Erkrankung, etc.). Das entscheidende Ziel von Kaleido Ostbelgien ist deshalb die „Prävention von toxischem Stress“. Hier leistet das Zentrum vielfältige Arbeit – allein (z.B. im Rahmen der Hausbesuche der „Beraterinnen für die frühkindliche Entwicklung“) oder im Zusammenspiel mit anderen Akteuren (z.B. Jugendhilfe, ÖSHZ, …). Dabei wird auf die individuelle „Risikosituation“ der Familien geachtet und versucht, im Einzelfall durch gezielte und verstärkte Beratung und/oder Weiterleitung an spezialisierte Dienste, wie z.B. dem BTZ, zu helfen. Auch weist Kaleido Ostbelgien z.B. im Rahmen der „Eltern-Kind-Bildung“ oder durch Animationen in Schulen auf „gesunde Themen“ hin.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass der Hohe Gesundheitsrat im Mai 2019 ein Gutachten zum Thema „Prävention vor chemischen Stoffen“ veröffentlicht hat. Es geht in diesem Gutachten insbesondere darum, wie jeder Mensch in der Bevölkerung seine eigene Gesundheit positiv beeinflussen kann und sich vor chemischen Umweltfaktoren sowie langfristigen Erkrankungen schützen kann.
 
Diesbezüglich wird das Ministerium, voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2019, eine Informationsveranstaltung organisieren. Das Gutachten befindet sich auf der folgenden Internetseite: https://www.health.belgium.be/sites/default/files/uploads/fields/fpshealth_theme_file/advies_9404_physical_chemical_environmental_hygiene.pdf
 
Zudem weisen Akteure wie der Patienten Rat und Treff (PRT), die Arbeitsgemeinschaft für Suchtvorbeugung und Lebensbewältigung (ASL) oder das Ministerium in ihrer täglichen Arbeit immer wieder auf Vorbeugemaßnahmen zu verschiedenen Themen hin. So wurde zum Beispiel auf Ozon- und Hitzewellen, Feinstaubbelastungen, ansteckende Krankheiten, saisonbedingte Gefahren (Zecken, …), aber auch auf weitere Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention bereits hingewiesen und Information hierzu bereitgestellt.
Der PRT fungiert dabei als Informationsorgan für die Bürger und klärt über unterschiedlichen Themen der Gesundheitsförderung und der Prävention von Krankheiten auf. Er weist die Bevölkerung auf spezifische gesundheitsrelevante Verhaltensweisen hin und bezieht die Bürger aktiv in die Zielsetzung der Gesundheitsförderung ein. Durch seine tägliche Informations- und Öffentlichkeitsarbeit fördert der PRT auch die Gesundheitskompetenz der Bürger. Außerdem gibt der PRT neue Impulse zu präventivem Gesundheitshandeln.
 
Die ASL besitzt im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention eine ähnliche Aufgabe, dies insbesondere im Bereich der Suchtprävention. Die ASL bietet Beratungen
an, unterstützt Personen mit Anfragen zu Suchtgefahren und Abhängigkeitsproblemen, leitet sie an therapeutische Dienste weiter und unterstützt sie und die Angehörigen in ihrem Werdegang.
 
Die Regierung bezuschusst zudem im Rahmen des Projektaufrufs in der Gesundheitsförderung ein Projekt der Christlichen Krankenkassen zur wertschätzenden Kommunikation am Arbeitsplatz.
Ob der Bürger diese Empfehlungen jedoch in die Tat umsetzt, unterliegt dabei seinem eigenen Ermessen. Ihm wird jedoch für jede Lebenslage nach bestem Wissen und Gewissen die nötigen Informationen und Kenntnisse zur Verfügung gestellt. Als konkretes Beispiel kann die Mitteilung zu Rate gezogen werden, dass bei Ozon- und Hitzewellen jegliche sportliche Aktivität vermieden werden und ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen werden sollte. Ob der Bürger in diesem konkreten Fall auf Sport verzichtet und auf ein ausreichende Flüssigkeitszufuhr achtet, liegt jedoch bei ihm persönlich.
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