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Fragen und Antworten

Mündliche Frage Nr. 53

7. November 2019 – Frage von C. Servaty an Minister Mollers bezüglich einer vermeintlichen Grenze für Konversationskurse in der Deutschsprachigen Gemeinschaft

­Welche Anstrengungen unternehmen die verschiedenen durch die Deutschsprachige Gemeinschaft geförderten Einrichtungen mit Bezug auf die praktische Umsetzung des Konzepts des lebenslangen Lernens.

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Charles Servaty (SP):
 
In der Grenz-Echo-Ausgabe vom 24. Oktober 2019 wurde im Rahmen eines konstruktiven Leserbeitrags eine vermeintliche Grenze für Weiterbildung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft thematisiert. Demzufolge bestünde künftig in der Deutschsprachigen Gemeinschaft nach der Absolvierung eines dreijährigen Konversationskurs für Englisch, Spanisch, Italienisch oder Niederländisch keine Möglichkeit mehr zur Fortsetzung der Weiterbildung.
 
Im Hinblick auf die sachliche Aufklärung der Öffentlichkeit lauten meine diesbezüglichen Fragen wie folgt:
­- Welche Regelwerke gelten für die Handhabung dieses Sachverhalts?
­- Wie bewerten Sie die verschiedenen in besagtem Leserbrief dargelegten Thesen?
­- Welche Anstrengungen unternehmen die verschiedenen durch die Deutschsprachige Gemeinschaft geförderten Einrichtungen mit Bezug auf die praktische Umsetzung des Konzepts des lebenslangen Lernens.

Antwort von Harald Mollers (ProDG), Minister für Unterricht, Ausbildung, Kinderbetreuung und Erwachsenenbildung:
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
werte Kolleginnen und Kollegen,
 
auf die Konversationskurse findet wie auf die anderen Kurse der schulischen Weiterbildung, also der Abendschulen, das Programmdekret vom 20. Mai 1997 Anwendung.
Artikel 4 §2 Absatz 7 des besagten Programmdekrets hält in Bezug auf die schulische Weiterbildung Folgendes fest:
„Schüler, die einen Kurs vollständig beenden und gegebenenfalls einen Studiennachweis erhalten haben, werden bei der Ermittlung der in den vorhergehenden Absätzen vorgesehenen Norm für diesen Kurs nicht berücksichtigt.“
In Anwendung dieses Artikels dürfte ein Konversationskurs in der schulischen Weiterbildung lediglich einmal als Regelschüler besucht werden, da sich der Konversationskurs nicht über mehrere aufeinander aufbauende Studienjahre erstreckt.
Die Regelung, dass Konversationskurse dreimal besucht werden dürfen, ist also bereits sehr kulant.
Sie folgt der Logik, dass die Teilnehmer an dem Konversationskurs, der dem Niveau der Sekundarunter- oder -oberstufe entspricht, nach drei Jahren das in der jeweiligen Stufe der Sekundarschule zertifizierte Niveau erreicht haben müssten.
Teilnehmer, die den Kurs bereits drei Jahre besucht haben, können den Kurs übrigens auch weiterhin besuchen, sie zählen jedoch nicht als Regelschüler.
Diese Regelung trifft, wie gesagt, auf alle Kurse der schulischen Weiterbildung zu. Für die Konversationskurse lassen wir eine Kulanz von drei Jahren walten.
 
Selbstverständlich ist der Kompetenzerwerb nach drei Jahren nicht abgeschlossen und die Teilnahme an einem Konversationskurs über diesen Zeitraum hinaus sinnvoll.
Das lebenslange Lernen ist ein wichtiger und kontinuierlicher Prozess, dies gilt auch und insbesondere für den Spracherwerb.
Den Bürgerinnen und Bürgern stehen deshalb neben der schulischen Weiterbildung auch die Kurse der Erwachsenenbildungseinrichtungen offen.
Deren Angebote richten sich an Erwachsene, die dort spezifische Kompetenzen entwickeln wollen, die sie für ihre berufliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung brauchen.
Da die schulische Weiterbildung mit ihren an die Sekundarschule angelehnten Zertifizierungen den Weiterbildungsbedürfnissen aller Bürgerinnen und Bürger nur bedingt gerecht werden kann, existiert parallel dazu die nicht formale Erwachsenenbildung.
Die anerkannten Erwachsenenbildungseinrichtungen definieren sich gemäß Artikel 3 Absatz 1 des Dekrets vom 17. November 2008 zur Förderung der Einrichtungen der Erwachsenenbildung als „eigenständige[n] Bereich des lebenslangen Lernens, der der nicht-formalen Bildung zuzuordnen ist“.
Laut Artikel 3 Absatz 2 dieses Dekrets bieten sie (ich zitiere) „ein koordiniertes Bildungsangebot, das den Bürgerinnen und Bürgern zur Verbesserung ihrer Schlüsselkompetenzen und zum Erwerb neuer Fähigkeiten verhilft. Ziel ist die Förderung der sozialen Integration, der Chancengleichheit im weitesten Sinne, der kollektiven Handlungsfähigkeit und des Bürgerschaftssinns sowie das Erlernen grundlegender sozialer und bürgerlicher Werte.“ (Zitatende)
Folglich sollten Lernende, die den Konversationskurs in der schulischen Weiterbildung bereits dreimal oder öfter belegt haben, hin zur Erwachsenenbildung orientiert werden.
 
Selbstverständlich möchte die Regierung allen interessierten Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu den gewünschten Weiterbildungskursen ermöglichen.
Nachdem das Institut für schulische Weiterbildung am RSI mir mitteilte, dass der Konversationskurs Spanisch aufgrund mangelnder Regelschüler nicht organisiert werden könne, habe ich daher umgehend den Rat für Erwachsenenbildung, dem alle anerkannten nicht formalen Erwachsenenbildungseinrichtungen angehören, über den Bedarf an Konversationskursen informiert, damit ein entsprechendes Angebot geschaffen werden kann.
 
Dieser teilte uns daraufhin mit, dass mehrere Einrichtungen bereit seien, in Absprache mit den interessierten Teilnehmern einen Konversationskurs für Spanisch anzubieten.
Sehr gern haben wir den Kontakt zwischen den ehemaligen Teilnehmern des Spanisch Konversationskurses der Abendschule und diesen Erwachsenenbildungseinrichtungen hergestellt.
In der Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt es zahlreiche Weiterbildungsanbieter, deren Angebote lebenslanges Lernen ermöglichen.
Dazu gehören in erster Linie die Institute der schulischen Weiterbildung, also die Abendschulen, und die Erwachsenenbildungseinrichtungen.
Zu den anerkannten und von der Deutschsprachigen Gemeinschaft geförderten Erwachsenenbildungseinrichtungen gehören Alteo, Aves, Die Eiche, die KAP, Die Lupe, die Frauenliga, die Ländlichen Gilden, Miteinander Teilen, der Landfrauenverband, Natagora/BNVS, die VHS und ZeitKreis.
Ihre Ziele sind in Artikel 8 des bereits erwähnten Dekrets festgehalten: Steigerung der Weiterbildungsmotivation, Wissensvermittlung, Entwicklung von Fertigkeiten, Förderung der kollektiven Handlungsfähigkeit und des Bürgerschaftssinns sowie Sicherung der Qualität der Weiterbildungsangebote.
Die Angebote sind vielfältig: Gesellschaft und Politik, Gesundheit und Ernährung, Natur, PC und Internet, Handwerk und Kreatives, Entwicklungshilfe, Sprachen, uvam.
Darüber hinaus tragen auch andere Einrichtungen mit teils zielgruppenspezifischen Angeboten zum lebenslangen Lernen bei.
Einige seien hier beispielhaft genannt: das Arbeitsamt, die Autonome Hochschule, das Belgische Rote Kreuz, Chudoscnik Sunergia, die Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben, die IHK Eupen-Malmedy-St. Vith, die Krankenpflegevereinigung (KPVDB), die Kreativen Ateliers, das Medienzentrum, die Musikakademie, das Naturzentrum Ternell, der Patienten Rat und Treff, die mittelständische Aus- und Weiterbildung, Kaleido, und sicherlich noch einige mehr, die ich jetzt vergessen habe.
Auch diverse im Ministerium angesiedelte Dienste bieten Weiterbildungen an, so beispielsweise die Jugendkommission, die Servicestelle Ehrenamt und der Fachbereich Sport, Medien und Tourismus mit seinen Weiterbildungen für Trainer und Übungsleiter sowie Weiterbildungen im Tourismusbereich.
Zudem bietet das Ministerium verschiedene Unterstützungsmaßnahmen an: Die Weiterbildungsberatung unterstützt interessierte Bürger dabei, eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Fortbildung zu finden.
Über das Projekt „Zukunftswege gestalten“ wird Bürgern dabei geholfen, ihre beruflichen Kompetenzen sichtbar zu machen und offiziell anerkennen zu lassen. Darüber hinaus existieren verschiedene Maßnahmen zur finanziellen Unterstützung von Weiterbildungsteilnehmern wie BRAWO, der bezahlte Bildungsurlaub und Stipendien.
Die verschiedenen Akteure in der Deutschsprachigen Gemeinschaft leisten mit ihren unterschiedlichen Angeboten in ihren jeweiligen Bereichen einen wichtigen Beitrag zum lebenslangen Lernen und damit auch zur Stärkung des Standorts Ostbelgiens als Lebens- und Arbeitsraum.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Zur Info:
 
Leserbrief vom 24. Oktober 2019
Zum Thema „Sprachkurse/Konversation“ schreiben Christa Wertz, Cecilia Lentz und Karin Schumacher:
 
Laut Minister Harald Mollers ist die Grenze nach dreijährigem Konversationskurs für Englisch, Spanisch, Italienisch und Niederländisch erreicht. Jede wissenschaftliche Studie zu dem Thema besagt jedoch, wie wichtig lebenslanges Lernen für jeden Menschen ist. Dies wird auch immer wieder von der Deutschsprachigen Gemeinschaft betont. Und heißt es nicht: „Wer rastet, der rostet?“
35 Leute, nur im Norden der DG, sind von diesem neuen Dekret betroffen. Laut Dekret müssen Abendschulteilnehmer nach Absolvierung eines dreijährigen Konversationskurses mit der Weiterbildung stoppen.
Was heißt das konkret? Das durch viel Einsatz Erlernte wird nach einer gewissen Zeit des Nichtpraktizierens verloren gehen. Zwei Lehrpersonen verlieren ihre Stelle, das heißt je drei Stunden pro Woche. Insgesamt eine Ersparnis von sechs Unterrichtsstunden pro Woche. Wird das den Bock fett machen, Herr Mollers?
Minister Mollers geht davon aus, dass der Konversationskurs ein Unterricht wie jeder andere ist und somit dem Teilnehmer nach drei Jahren nichts Neues mehr bringt. Hier täuscht sich der Minister vollends, da Konversationskurse kein Unterricht im wörtlichen Sinn sind. Es gibt keine Wiederholungen. Der Kurs wird lebendig gestaltet: Themen der Aktualität, Kultur, Musik usw. werden besprochen. Bedürfnisse der Teilnehmer werden wahrgenommen und fließen im Kurs mit ein.
Es ist ein lebenslanges Lernen!
Was kann daran so verkehrt sein, wenn wir Steuerzahler, die diese Abendschule mitfinanzieren, auch davon profitieren möchten?
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