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Fragen und Antworten

Mündliche Fragen Nr. 82 und 83

5. Dezember 2019 – Frage von L. Scholzen an Minister Mollers zur schulischen Inklusion und Frage von C. Servaty an Minister Mollers bezüglich der Inklusion und Integration an Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft

­Welche Projekte sind im Bereich der Inklusion und der Förderpädagogik geplant? ­Wie bewerten Sie die Aussagen und den Forderungskatalog der Frühhilfe Ostbelgien?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Liesa Scholzen (ProDG):
 
Im Jahre 2008 trat die „Behindertenrechtskonvention“ der Vereinten Nationen in Kraft, die auch seitens der DG ratifiziert wurde und Mitte November 2010 verabschiedete die Europäische Union dann ihre „Strategie zugunsten von Menschen mit Behinderungen“. Zu der Zeit entstand in Ostbelgien das Zentrum für Förderpädagogik als eines der wichtigsten Ergebnisse des Förderdekretes der Deutschsprachigen Gemeinschaft.
Somit steht das Jahr 2019 im Zeichen der Eventreihe: "10 Jahre Förderdekret - 10 Jahre Inklusion!? Grenzen und Möglichkeiten". Dies hat für zahlreiche Diskussionen und Debatten rund um das Thema Inklusion, dessen Bedeutung und Zukunft gesorgt.
Was bedeutet Inklusion? Wie kann sie gelingen? Wie realistisch ist Inklusion im Alltag?
Inklusion bedeutet vereinfacht, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in allen Bereichen. Also im Grunde hat jeder Einzelne das Recht, selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Zur Erinnerung: als Antwort auf eine Frage des Kollegen, sind sie Herr Minister Mollers, schon ausführlich auf die Prozedur eingegangen, die den Förderbedarf jedes einzelnen Schülers festlegt. Ebenso wurde auf die Akteure verwiesen, Kaleido, Fachleute des ZFP, Pädagogen, Vertreter der Schulen und natürlich die Eltern, die gemeinsam die Entscheidung treffen, welcher Förderbedarf vorhanden ist und die jährliche Evaluierung dieser Entscheidung.
Ich möchte in meiner Frage auf den pragmatischen Ansatz eingehen, der auch den Leitfaden im Förderdekret bestimmt: "Jede Schule ist eine Förderschule, jeder Schüler ein Förderschüler" und wie es auf der Veranstaltung der gemeinsamen Grundschule Bütgenbach geheißen hat: Jeder Lehrer ist ein Förderlehrer. Ziel ist es alle Schüler zu fördern, unter Berücksichtigung ihrer Begabungen und Schwächen.
Als Paradebeispiel gilt Sie mittlerweile, die gemeinsame Grundschule in Bütgenbach. Hier haben das Zentrum für Förderpädagogik und die Grundschule fusioniert, um die Schüler gemeinsam zu beschulen. Das Ganze natürlich mit der Unterstützung von Förderpädagogen und Paramedizinern, als auch der Möglichkeit den Unterricht in kleinen Gruppen und bedarfsorientierte zu organisieren.
Dennoch wurden jüngst Stimmen laut, dass die effektive Umsetzung von Inklusion - gerade im schulischen Bereich - unzureichend umgesetzt wird. Hauptsächlich die freie Schulwahl der Eltern, wurde als nicht gegeben beurteilt. Gefordert wurde ein Umdenken in der Gesellschaft sowie eine bessere finanzielle Ausstattung.
 
Meine Fragen sind nun folgende:
­- Welche Projekte sind im Bereich der Inklusion und der Förderpädagogik geplant?
­- Wie steht die Regierung zu der Aussage, dass im Bereich schulische Inklusion noch Nachholbedarf besteht?
 
Frage von Charles Servaty (SP):
 
In der Grenz-Echo-Ausgabe vom 20. November 2019 wurde das Thema Inklusion in der Folge eines Elternabends der Frühhilfe Ostbelgien im Alten Schlachthof thematisiert. Die Integration sowie die Inklusion im Alltagsleben und insbesondere an Schulen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft stellen eine große Herausforderung dar, die die DG bereits in der Vergangenheit immer sehr ernstgenommen hat. Nicht umsonst attestieren auswärtige Beobachter etlichen auf dem Gebiet der DG existierenden Angeboten Vorbildkarachter.
Uns ist es wichtig, dass, neben dem Vermitteln von Lerninhalten und Kompetenzen durch die Schulen auch der soziale Zusammenhalt gestärkt wird. In der Praxis erhalten alle Schulen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Unterstützung bei der Integration von Schülern mit besonderem Förderbedarf. In Bütgenbach befindet sich zudem eine inklusive Schule, in der man allerbeste Bedingungen vorfindet, um das Zusammenleben aller Schüler zu gewährleisten, eine belgienweite Premiere.
Dem Zeitungsartikel zufolge sei man in Ostbelgien in Sachen Inklusion „sehr ambitioniert gestartet, aber dann habe es beim Thema Inklusion ‚Rückschritte‘ gegeben“.
 
Hierzu lauten meine Fragen:
­- Wie bewerten Sie die Aussagen und den Forderungskatalog der Frühhilfe Ostbelgien?
­- Wird die Einrichtung einer Gemeinsamen Grundschule ähnlich der in Bütgenbach auch im Norden der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Betracht gezogen?

Antwort von Harald Mollers (ProDG), Minister für Unterricht, Ausbildung, Kinderbetreuung und Erwachsenenbildung:
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
werte Kolleginnen und Kollegen,
 
die Aussagen sowie den Forderungskatalog der Frühhilfe Ostbelgien habe ich mit großem Interesse gelesen und entnehme ihm anregende Ideen zur Weiterentwicklung der Förderpädagogik an Regelschulen.
Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass es vor der Veröffentlichung seitens der Frühhilfe eine Bitte um Austausch gegeben hätte.
Gerade im Bereich der Inklusion können wir die Dinge nur im Dialog miteinander voranbringen; Druck und Anschuldigungen erreichen bei diesem sensiblen Thema das Gegenteil.
Und bei mehreren Punkten aus dem Forderungskatalog bedarf es einer differenzierten Betrachtung.
Die Meinung der Eltern, die von der Frühhilfe betreut werden, ist sehr wichtig für uns.
Diese jungen Eltern werden - aufgrund der Verschiedenheit ihrer Kinder im Alter zwischen 0 und 6 Jahren - mit großen Herausforderungen konfrontiert und brauchen jede mögliche Unterstützung.
Wir nehmen die Sorgen und Nöte der Eltern sehr ernst!
Lassen Sie mich zunächst ein wenig ausholen und den inklusiven Unterricht in den gesellschaftlichen Kontext setzen:
Inklusiver Unterricht bedeutet für das Zentrum für Chancengleichheit und Rassismusbekämpfung, UNIA, „dass Schüler mit Behinderung wie alle anderen Kinder eine Regelschule besuchen und dabei an denselben Unterrichten und Aktivitäten teilnehmen können.“
Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen definiert Menschen mit Behinderung wiederum als „Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“.
Und genau da liegt die Herausforderung für unser Bildungswesen.
Auf sozialer Ebene bedarf es nicht nur einer Teilhabe, bei der Schüler mit Einschränkungen am Schulleben nur dabei sein dürfen.
Es geht vielmehr um Mitgestalten, Mitwirken und aktives Beteiligtsein im Schulgeschehen, wobei Schüler zu Akteuren ihres eigenen Entwicklungsprozesses werden.
Auf pädagogischer Ebene hat die Schule wiederum die Rolle, Schüler ihrem jeweiligen Leistungsstand entsprechend zu fördern und sie dort abzuholen, wo sie in ihrem Kompetenzstand stehen.
Jeder Schüler hat ein Recht auf Inklusion, aber auch ein Recht auf eine angemessene, seinen Bedürfnissen entsprechende Beschulung.
Somit gilt es, nicht nur die soziale Teilhabe in den Mittelpunkt zu setzen, sondern auch Faktoren wie therapeutische und medizinische Notwendigkeiten zu berücksichtigen.
Das bedeutet, dass unsere Schüler weder unter- noch überfordert werden dürfen. Wenn ein Schüler trotz der notwendigen Unterstützung und Vorkehrungen permanent über- oder unterfordert ist, dann ist der aktuelle Schulkontext für die Kompetenzentwicklung des Schülers nicht adäquat.
Das hat zur Folge, dass in einigen wenigen Situationen die Umweltfaktoren, zum Beispiel der Schulkontext, angepasst werden müssen und in diesem individuellen Fall eine Förderschule der beste Förderort für einen bestimmten Schüler darstellt.
Das wird aber nicht einseitig bestimmt, sondern im Rahmen der Förderkonferenzen.
Die Erziehungsberechtigten ermitteln gemeinsam mit Vertretern der Schule die pädagogischen Bedürfnisse der Kinder mit größerem Förderbedarf und schlagen den aus ihrer Sicht besten Ort für die Förderung des Kindes vor.
Diese Vorgehensweise kann dazu führen, dass Pädagogen und Eltern nicht immer einer Meinung sind und bei einigen Eltern ist der Eindruck entstanden, dass Druck auf sie ausgeübt wird.
Das bedaure ich sehr, denn wie ich eingangs bereits sagte, können Lösungen nur im Dialog miteinander gefunden werden.
Grundsätzlich gilt, dass die Entscheidungen der Förderkonferenz nicht in Stein gemeißelt sind und der Wechsel von einer Struktur in eine andere immer wieder in Erwägung gezogen werden kann.
Ein interessantes Beispiel liefert uns die Gemeinsame Grundschule Bütgenbach. Wenn ein Kind innerhalb der bestehenden Inklusionsstruktur überfordert ist, kann eine andere Struktur – in Bütgenbach ist es die Regenbogenklasse – es aufnehmen und ihm die nötige Auszeit geben, um gestärkt in die Regelklasse zurückzukehren.
Jede Entscheidung in Bezug auf den bestmöglichen Förderort erfolgt immer unter Berücksichtigung einer ganzheitlichen Analyse der jeweiligen Schülersituation.
Diese professionelle Einschätzung bedarf auch einer Erfassung der Bedürfnisse des betroffenen Schülers.
Die Förderpädagogik in Ostbelgien stützt sich hierbei auf die internationale Klassifizierung der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, besser bekannt unter dem Kürzel ICF.
Dies bedeutet, dass die Teilhabe des Schülers im Mittelpunkt steht.
Damit ein Schüler mit Beeinträchtigung an einer Aktivität teilnehmen kann, müssen aufgrund gewisser Körperfunktionen, die sowohl Beeinträchtigungen als auch Talente umfassen können, die Umweltfaktoren angepasst werden.
Um die jeweilige Schülersituation in ihrer Gesamtheit zu erfassen, bedarf es unter anderem einer Diagnose.
Diagnosen sind aber nicht da, um Kinder auszusortieren oder um zusätzliches Personal zu erhalten, sondern tragen dazu bei, die Bedürfnisse der Schüler objektiv zu erfassen, damit die Umweltfaktoren bestmöglich ihren Bedürfnissen entsprechend angepasst werden können.
Dies bedeutet nicht, dass die Schulen defizitorientiert arbeiten.
Es geht vielmehr darum, den Schüler in seiner Gesamtheit zu erfassen und ihn bestmöglich zu fördern.
Deshalb haben wir uns in Ostbelgien für das pragmatische Modell der Kooperation zwischen Regel- und Förderschulen entschieden und nicht für das dogmatische Modell der Totalinklusion, die eine komplette Abschaffung der Förderschulen mit sich zieht.
Im internationalen Vergleich sehen wir, dass unser Modell eindeutig die besseren Resultate erzielt.
Die Beschulung an der Regelschule steht immer an erster Stelle der möglichen Optionen.
Nachteilsausgleich und Notenschutz sind dekretal festgelegt und bilden eine weitere wichtige Grundlage für die Beschulung an der Regelschule.
Integrationsmaßnahmen und die Zurverfügungstellung von zusätzlichem Personal stellen ebenso einen wichtigen Baustein dar.
Zudem wurde mit der Schaffung des Kompetenzzentrums am ZFP ein Instrument geschaffen, das für die Stärkung, Schulung und das Coaching der Lehrer der Regelschulen sorgt.
Das inklusive Bildungswesen wird also weiter ausgebaut, immer unter der Berücksichtigung der bestmöglichen Antwort auf die jeweiligen Bedürfnisse der Schüler, gemäß der Devise:
So viel Heterogenität wie möglich, so viel Homogenität wie notwendig.
Sie sehen, meine Damen und Herren, das Inklusionsprojekt hat sich in den letzten zehn Jahren stets weiterentwickelt.
Unsere aktuelle Aufgabe ist es, für die Förderpädagogik in Regelschulen Strukturen und Verantwortungsbereiche, Förderbereiche, Verfahrenswege, Fördermaßnahmen sowie personelle Ressourcen und deren Profession zu optimieren und in eine neue Rechtsgrundlage münden zu lassen.
Aus diesem Grund wird im Rahmen des REK-Projekts „Zukunft der Förderpädagogik“ ein Gesamtkonzept für die Förderpädagogik erstellt.
Dies setzt eine enge Kooperation zwischen allen Akteuren im Bildungswesen voraus.
Wir möchten alle Schulen in ihrer Entwicklung unterstützen und sie für die Beschulung aller Kinder stärken.
Dazu gehört auch die Ermittlung des zukünftig benötigten Personals: neben Pädagogen zählt dazu auch das paramedizinische und sozialpsychologische Personal.
Schon heute stellt die Deutschsprachige Gemeinschaft im nationalen und internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel Personal zur Verfügung.
Die im Rahmen des Forderungskatalogs der Frühhilfe Ostbelgien gewonnenen Erkenntnisse fließen auf jeden Fall in die Weiterentwicklung der Förderpädagogik in Ostbelgien ein.
Darüber hinaus müssen die Erkenntnisse der Förderpädagogik ebenfalls ihren Weg in die jeweilige Schulentwicklung der Einzelschulen finden.
Ergänzend dazu wird die Erstausbildung der Grundschullehrer an der AHS momentan überdacht.
Förderpädagogische Elemente sollten m.E. Bestandteil der Grundausbildung unserer Pädagogen sein.
Neben der pädagogischen Arbeit spielen auch die Schulbauten für die Zukunft der Förderpädagogik eine wichtige Rolle.
Am 1. September 2015 öffnete die erste Gemeinsame Grundschule des Landes in Bütgenbach ihre Türen.
Die Regelgrundschule der Gemeinde Bütgenbach und das Zentrum für Förderpädagogik gehen seitdem gemeinsame Wege.
Das Beispiel Bütgenbach macht Schule und ein zweites Projekt ist mit der Zusammenlegung der Primarschule des Königlichen Athenäums Sankt Vith und des Zentrums für Förderpädagogik in Planung.
Auch im Norden der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist das Zentrum für Förderpädagogik nicht isoliert, sondern mit zwei Regelgrundschulen auf einem gemeinsamen Campus in der Eupener Unterstadt untergebracht.
Im Sekundarschulbereich gibt es außerdem differenzierte Stufen im Robert-Schuman-Institut Eupen und an der BSTI in Sankt Vith, in denen vorrangig darauf hingearbeitet wird, Schülern ohne Grundschulabschluss eine spätere Eingliederung in das 3. berufliche Jahr oder in eine mittelständische Ausbildung zu ermöglichen.
 
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
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