Druck Kopfbild

Fragen und Antworten

Mündliche Fragen Nr. 113

5. Februar 2020 Frage von J. Huppertz an Minister Antoniadis zur Sexualität im Alten- und Pflegewohnheim sowie bei Personen mit Beeinträchtigung

­Gibt es in den Alten- und Pflegeheimen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft ausreichend Privatsphäre, damit Senioren ihre Sexualität ausleben können?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Jolyn Huppertz (CSP):
 
Sexualität im Alter und bei beeinträchtigten Menschen ist immer noch ein Tabuthema. Dass es Sexualität auch in Alten- und Pflegeheimen gibt, ist unbestreitbar, denn Bewohner halten Händchen oder wollen sich ein Zimmer teilen. Vielen beeinträchtigten Personen und Senioren fehlen menschliche Nähe und Berührungen.
Nicht nur die Zeitung « De Zondag » sondern aucah das Grenz-Echo titelte am 19. Januar 2020 « Immer mehr ältere Menschen sowie Personen mit einer Beeinträchtigung nutzen sexuelle Dienstleistungen. ». 
Beide Zeitungen berufen sich auf den Beratungs- und Weiterbildungsanbieter Aditi. Aditi ist in der Wallonie und Brüssel tätig. Die Organisation ist überwiegend im Invalidenbereich aktiv. Die Mitarbeiter beraten unter anderem Betroffene, Angehörige, Schulen sowie Universitäten und stellen gegebenenfalls den ersten Kontakt zu einem sexuellen Dienstleister her. Zum Beispiel arbeiten sie mit der „Cité L’Espoir“ in Andrimont und „Les Hautes Ardennes“ in Vielsalm zusammen. Die Anfragen sind im vergangenen Jahr um 20% auf 724 gestiegen.
„Espace Seniors“ organisiert beispielsweise Sensibilisierungen in Alten- und Pflegeheime.  2014 hat « Espace Seniors » die Broschüre « Intimité et Sexualité des seniors en maison de repos » veröffentlicht.   In der Broschüre wird auf eine 2007 bereits im „New England Journal of Medecine“ veröffentliche Studie eingegangen. An dieser Studie haben 3000 Menschen zwischen 57-85 Jahren teilgenommen. Die Studie hat ergeben, dass 53% der 65-74-jährigen noch regelmäßig sexuell aktiv sind und dass 26% der 75-85-jährigen mindestens einmal im Jahr sexuell aktiv sind. Einmal im Alten- und Pflegewohnheim sinkt die Zahl auf 8%. 
Menschen, die in Heimen leben, fehlt oft die Privatsphäre. In verschiedenen Alten- und Pflegeeinrichtungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt es nach wie vor Doppelzimmer, wo zwei Frauen oder zwei Männer untergebracht sind.
 
Alten- und Pflegeheime können die Privatsphäre durch beispielsweise folgende Maßnahmen wahren:
1.Geschützter Zugang: Pfleger müssen anklopfen und dürfen die Zimmer erst betreten, wenn sie hereingebeten werden.
2.Vereinfachter Zugang von Paaren oder neugegründeten Paaren zu Doppelzimmern oder eine Trennung der Zimmer durch eine Zwischentüre
3.Anbringen von « Nicht Stören Schildern » an der Türe
4.Klare Absprachen mit dem Personal
 
Ein Deutschland gibt es zum Beispiel den Dienst « Nessita », der bundesweit Sexualassistenten an Senioren vermittelt. 
 
Hierzu meine Fragen:
­- Gibt es in den Alten- und Pflegeheimen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft ausreichend Privatsphäre, damit Senioren ihre Sexualität ausleben können?
-­ Gibt es in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Beratungsstellen für Menschen mit Beeinträchtigung und Senioren?
­- Werden Weiterbildungen im Bereich Intimität bei beeinträchtigten Menschen und Senioren für Pfleger und Betreuer in der Deutschsprachigen Gemeinschaft angeboten?

Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales, Raumordnung und Wohnungswesen:
 
1) Das Anrecht auf Privatsphäre ist ein hohes Gut, das in den Wohn- und Pflegezentren (WPZS) in der Deutschsprachigen Gemeinschaft entsprechend sensibel behandelt wird. So gilt das Zimmer der Bewohner immer als „privat“ und sollte nicht ohne vorheriges Anklopfen betreten werden. Darüber hinaus kann das Zimmer auch als Privateigentum des Bewohners betrachtet werden. Es liegt im Ermessen des Bewohners, ob er die Tür
(ab-)schließen möchte. Es gehört zu den Grundsätzen des Zusammenlebens der jeweiligen Einrichtung, die Intimsphäre zu respektieren. Dementsprechend ist dies im Leitbild der WPZS formuliert.
Das Thema „Sexualität“ ist Teil der Grundrechte eines jeden Bewohners und wird u.a. im Rahmen der Pflegeplanung auch in den Bewohnerakten berücksichtigt.
 
2) In der Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt es eine Beratungsstelle zu Fragen bzgl. Affektivität-Beziehungen-Partnerschaft–Sexualität von Personen mit Unterstützungs-bedarf. Diese ist bei der Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben (DSL) angesiedelt und wird von einer diesbezüglich spezialisierten Mitarbeiterin geleitet. Es handelt sich hierbei um das Angebot „SENS“. Die von der Fragestellerin angesprochenen Leistungen des
Dienstleisters Aditi werden auch in der DG von Personen mit Beeinträchtigung genutzt. Ob und in welchem Ausmaß die Bewohner eines WPZS ihre Sexualität ausleben, bleibt Privatsache, es sei denn, es wird um Unterstützung oder Beratung durch die Heimleitung gebeten. In diesem Fall arbeiten einige Häuser mit entsprechenden Einrichtungen zusammen (z.B. „Aditi VoG“). Dort gibt es einen Ansprechpartner, der mit dem Bewohner
und/ oder dessen Familie nach geeigneten Angeboten und Lösungen sucht. Bisher wurden gute Erfahrungen mit dieser Art der Unterstützung gemacht.
 
3) Die Dienstleister für Personen mit Beeinträchtigung (Tagesstätten, Werkstätten, Wohnheime für Personen mit Beeinträchtigungen) greifen zu Weiterbildungszwecken auf den Beratungsdienst Sens zurück. In den WPZS bieten die Einrichtungen selbst ihren Mitarbeitern regelmäßig interne
Weiterbildungen an, die zu diesem Thema sensibilisieren. Daneben werden Fallbesprechungen im (multidisziplinären) Team durchgeführt –bei
Bedarf auch mit den Angehörigen.
 
Zurück Drucken Teilen