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Fragen und Antworten

Mündliche Frage Nr. 151

12. März 2020 – Frage von S. Houben-Meessen an Minister Mollers zu den Maßnahmen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels durch Verkürzung der Studiendauer

­Bestehen auf Ebene der belgischen Gliedstaaten Bestrebungen, diese Erkenntnisse hinsichtlich der Bekämpfung des Fachkräftemangels näher zu beleuchten?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Sandra Houben-Meessen (CSP):
 
Der im Januar veröffentlichte Bericht des Hohen Rates für Beschäftigung mahnt eine veränderte Herangehensweise in der Arbeitsmarktpolitik an. Konkret wird die Frage aufgeworfen, ob die Beschäftigungsquote erhöht werden könne, wenn der Eintritt ins Berufsleben früher als bisher geschehe.
Denn offenbar würden sich viele junge Menschen relativ lange in der Ausbildung oder im Studium befinden, ehe sie aktiv beschäftigt seien. Als Beispiel wurden etwa die Erhöhung der Studienzeiten für Bachelor- oder Masterstudiengänge genannt.
Durchschnittlich seien die Absolventen 25,5 Jahre alt.
In einem Interview erklärte Prof. Vincent Vandenberghe (UCL), dass längere Studien und Ausbildungszeiträume nicht bedeuteten, dass mehr Leute ein gutes Diplom, einen guten Job oder ein gutes Gehalt erhielten.
 
Hierzu meine Frage:
­- Bestehen auf Ebene der belgischen Gliedstaaten Bestrebungen, diese Erkenntnisse hinsichtlich der Bekämpfung des Fachkräftemangels näher zu beleuchten?
­- Welche ist die Position der DG-Regierung dazu?
 
Antwort von Harald Mollers (ProDG), Minister für Unterricht, Ausbildung, Kinderbetreuung und Erwachsenenbildung:
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
Kolleginnen und Kollegen,
 
wenn man die Ausbildungs- und Studiendauer unserer Jugendlichen langfristig senken möchte, sollte man den Hebel früher ansetzen, und zwar bei der Berufswahlvorbereitung und -orientierung.
Sie regt bereits in jungen Jahren dazu an, über die eigenen Interessen, Fähigkeiten und Kompetenzen zu reflektieren.
Je besser die Berufs- oder Studienwahl vorbereitet und durchdacht wurde, desto größer sind die Chancen, dass die getroffene Studien- und Berufswahl langfristig die richtige ist und eine Ausbildung oder ein Studium in angemessenem Zeitraum und erfolgreich abgeschlossen werden kann.
Vor dem Hintergrund des dynamischen Arbeitsmarktes mit sich ständig ändernden Berufsbildern und des Fachkräftebedarfs widmet sich daher das REK III-Projekt „Auf das echte Leben vorbereiten“ dem Thema der Berufswahlvorbereitung.
Es sei im Plenum auch beispielhaft kurz wiederholt, was die Verantwortlichen der Hochschule bereits am 19. September 2019 zum Aufnahmeverfahren an sich und zu anstehenden Reformen angeführt haben und was in Beantwortung der Interpellation vom 5. Dezember 2019 von Herrn Jerusalem zum Thema Lehrermangel in der Primarschule erneut geschildert wurde.
Das neue Aufnahmeverfahren für die Zulassung zu den Studiengängen Lehramt Primarschule und Kindergarten der Autonomen Hochschule Ostbelgien zielt darauf ab, Bewerber mit günstigen Voraussetzungen für das Lehramtsstudium und die erfolgreiche Ausübung des Lehrerberufes zu gewinnen, da geeignete Kandidaten das Studium mit einer höheren Wahrscheinlichkeit abschließen und die Studienabbruchquote somit geringgehalten werden kann.
Durch dieses neue Aufnahmeverfahren kann die Hochschule also sicherstellen, dass sie rücksichtsvoll mit der Lebenszeit junger Menschen umgeht.
Bereits in der Beantwortung der Frage Nummer 23 von Herrn Jerusalem zum Thema Schulabbrecher bin ich auf die SAVE-Analyse des Arbeitsamts der Deutschsprachigen Gemeinschaft eingegangen.
Dabei handelt es sich um eine Analyse der Chancen der Schulabgänger, Gesellen sowie Hochschul- und Universitätsabsolventen auf dem Arbeitsmarkt.
Das Arbeitsamt untersucht zum einen den Verbleib aller Jugendlichen, die sich im Laufe eines Jahres als Arbeitsuchende eintragen (während 5 Jahren), zum anderen wird der Verbleib der Abiturienten und Lehrabgänger der Deutschsprachigen Gemeinschaft zum Ende des Monats Oktober des jeweiligen Jahres überprüft.
Im Folgenden einige wesentliche Beobachtungen des Arbeitsamts:
Dass eine abgeschlossene Ausbildung oder Qualifizierung die Integrationschancen stark erhöht, zeigt sich an den Verbleibquoten: im Laufe des ersten Jahres nach der Eintragung haben über 90% der Jugendlichen mit Lehrabschluss, Hochschul- oder Universitätsdiplom eine Arbeit aufgenommen, bei den Niedrigqualifizierten sind es hingegen nur 50%.
Die Vermittlungsquoten der Abiturienten liegen zwischen 48% für das allgemeinbildende Abitur und 79% für das berufliche Abitur.
Viele Abiturienten tragen sich allerdings nur vorübergehend als Arbeitsuchende ein, und beginnen danach wieder eine Ausbildung oder ein Studium: schließt man auch den Verbleib in Ausbildung mit ein, so erreichen auch die Abiturienten eine „Integrationsquote“ (d.h. Arbeit oder Ausbildung) von rund 90%.
Die Dauer bis zur Vermittlung in Arbeit liegt im Durchschnitt bei rund 3 Monaten.
Auch hier zeigen sich Unterschiede nach Ausbildungsniveau: während die Vermittlung von niedrigqualifizierten Jugendlichen (Primarschulniveau oder Unterstufe Sekundarschule) im Schnitt rund 4,5 Monate dauert, liegt sie bei Personen mit Gesellenabschluss bei nur 1,5 Monaten.
Bei Hochschul- und Universitätsabsolventen liegt die Vermittlungsdauer im Schnitt bei 2,4 bzw. 2,9 Monaten.
In Zusammenarbeit mit dem IAWM beobachtet das Arbeitsamt auch den Verbleib der erfolgreichen Lehrabgänger der jeweiligen Jahre:
Auch hier ist festzustellen, dass rund 90% der Gesellen im November des jeweiligen Jahres als in Arbeit vermittelt betrachtet werden können.
Die Ergebnisse dieser Analyse zeigen, dass eine fundierte Ausbildung ein Grundstein für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben darstellt.
Darüber hinaus kann eine solide Ausbildung einer Überforderung im Berufsleben entgegenwirken und somit das Risiko für Erschöpfungskrankheiten wie Burnout senken.
Eine alleinige Verkürzung der Studiendauer ist in meinen Augen also nicht die geeignete Lösung für den nicht von der Hand zu weisenden Fachkräftemangel.
Wichtiger und effektiver als die Verkürzung von Studien- und Ausbildungszeiten scheint es mir, dass wir den zukünftigen Arbeitskräften eine solide Berufswahlvorbereitung und -orientierung und anschließend qualitativ hochwertige Ausbildungs- und Studienangebote bieten können.
 
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
 
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