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Fragen und Antworten

Mündliche Frage Nr. 284

2. Juli 2020 – Frage von A. Jerusalem an Minister MOLLERS zu Grundlage und Auswirkungen der Entscheidung zur Wiederaufnahme des Unterrichts in Kindergarten und Primarschule

­Auf Grundlage welcher konkreten wissenschaftlichen Erkenntnisse wurde eine Öffnung der Kindergärten und Primarschulen nach dem Prinzip der Kontaktblasen vollzogen?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
Frage von Andreas Jerusalem (Ecolo):

Ende Mai hat die Ankündigung der drei belgischen Bildungsminister für Überraschung gesorgt, die Kindergärten und Primarschulen ab dem 2. bzw. 8. Juni wieder uneingeschränkt zu öffnen.
Ich empfand diese Öffnung der Grundschulen als gewagt, aber in gewisser Weise auch begründbar. Ich hätte mir aber eine noch offenere Kommunikation gewünscht:
Eine Kommunikation, die die Sorgen der Menschen aufgreift, die mögliche Zwischenfälle antizipiert und die die wichtigsten Ziele in den Fokus rückt, die ich hier noch einmal nennen möchte:
Für alle Maßnahmen auf nationaler Ebene gelten die Hauptziele:
- die Funktionsfähigkeit des Gesundheits- und Pflegesektors aufrecht erhalten
- ältere und eventuell gefährdete Menschen schützen
Für die Wiederaufnahme des Unterrichts sollten meiner Meinung nach vor allem folgende Ziele gelten, die Sie gerne in Ihrer Antwort ergänzen dürfen:
- Erkenntnisse für die Arbeit in den Schulen gewinnen
- des sozialen Miteinanders im Schulalltag wiederherstellen
- flächendeckende und uneingeschränkte Kinderbetreuung für Kinder bis zum Ende des Primarschulalters
Natürlich sind Teile dieser Ziele in der Kommunikation vorgekommen, doch bestimmte Teile fehlten oder sind nach meiner Auffassung untergegangen.
Das liegt übrigens nicht nur am sprachlichen Niveau der Schreiben der letzten Wochen und Monate, die m. E. einige Eltern - und zwar nicht nur anderssprachige Eltern - vor einige Herausforderungen gestellt haben dürften.
Die Wiederaufnahme des Unterrichts ging und geht jedenfalls mit Sorgen und Ungewissheit einher.
 
Um diesen entgegenzuwirken und ihre Auswirkungen einschätzen zu können, habe ich nun folgende Fragen an Sie, Herr Minister:
­- Auf Grundlage welcher konkreten wissenschaftlichen Erkenntnisse wurde eine Öffnung der Kindergärten und Primarschulen nach dem Prinzip der Kontaktblasen vollzogen?
­- Wie viele Kinder aus Kindergarten und Primarschule sind dem Unterricht seit dem 6. Juni vollständig ferngeblieben?
­- Gibt es Fälle von Lehrpersonen, die das Risiko einer möglichen Infektion nicht auf sich nehmen wollten und daher nicht wieder zur Arbeit erschienen sind?
 
Antwort von Harald Mollers (ProDG), Minister für Unterricht, Ausbildung, Kinderbetreuung und Erwachsenenbildung:
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
Kolleginnen und Kollegen,
 
der Entscheidung über die Wiederaufnahme des regulären Unterrichts ab dem 2. Juni für die Kindergärten und ab dem 8. Juni für die Primarschulen liegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der vorangegangenen Wochen zugrunde.
Verschiedene Instanzen des Gesundheitssektors haben die wissenschaftlichen Studienergebnisse aus dem In- und Ausland analysiert und Erkenntnisse über die Risiken und die Rolle von Kindern bei der COVID-19-Epidemie gewonnen.
Neben dem Expertengremium für die Exit-Strategie (GEES) haben sich zahlreiche Fachleute des wissenschaftlichen Instituts Sciensano, der Evaluierungszelle CELEVAL und der Risk Assessment Group (RAG) mit den Risiken für die Bevölkerung auf der Grundlage von epidemiologischen und wissenschaftlichen Daten auseinandergesetzt.
Zudem haben sich 269 Pädiater öffentlich für die schnelle und umfassende Öffnung der Schulen ausgesprochen.
Die Empfehlung des GEES, die Schulen zu öffnen, erfolgte unter Berücksichtigung der allgemeinen Entwicklung der Epidemie, der Auswirkungen auf die allgemeine, geistige und soziale Entwicklung der Kinder und ihrer Familien, die eine langfristige Schulschließung mit sich bringt, und der Erkenntnisse über die Rolle von Kindern bei der Verbreitung des Virus.
Dem GEES zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass Kinder der Motor der Epidemie sind.
Im Gegenteil, Kinder scheinen weniger von der Epidemie betroffen und auch weniger ansteckend zu sein als Erwachsene.
Eine Zusammenfassung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse ist auf der Website von Sciensano erhältlich.
Das Prinzip der Kontaktblasen ermöglicht die Präsenz in der Schule im bestehenden Klassenverband und trägt weiterhin dem Prinzip der Kontakteinschränkung Rechnung, die eine Maßnahme zur Vermeidung der Virusverbreitung ist.
Die Erfassungen der Schüleran- und -abwesenheiten seit dem 8. Juni ergeben folgendes Bild:
- Die täglichen Abwesenheiten im Kindergarten im Vergleich zu der Anzahl eingeschriebener Kinder liegen bei durchschnittlich 80 Kindern. Dies entspricht ca. 2,9%. Hierbei ist allerdings zu bemerken, dass die Kindergartenkinder nicht schulpflichtig sind und die Abwesenheiten nicht unbedingt durch Corona zu erklären sind.
- Die ungerechtfertigten Abwesenheiten der Schülerinnen und Schüler der Regelprimarschule belaufen sich auf durchschnittlich 93 täglich, welches 1.9% der schulpflichtigen Primarschüler entspricht. In den Primarschulen des Förderschulwesens sind im Durchschnitt 17 Schüler ungerechtfertigt abwesend. Dies entspricht 11,4% der Schülerzahl.
- Die Abwesenheitszahlen und Abwesenheitsgründe einzelner Schüler liegen nicht vor.
Lehrer, die befürchten, einer Risikogruppe anzugehören, wurden aufgefordert, ihren Hausarzt aufzusuchen, der ihnen ggf. ein COVID-19-Attest zur Risikogruppenbeurteilung aushändigt, welches sie vom Präsenzunterricht befreit.
Seit der Wiederaufnahme des Unterrichts am 18. Mai haben 50 Personalmitglieder des Unterrichtswesens dieses Attest eingereicht.
Da diese Personalmitglieder weiterhin im Dienst waren, konnte der Schulleiter ihnen Aufträge erteilen, die sie von zu Hause aus erledigen konnten.
Personalmitglieder, die ohne Krankschreibung oder ohne Attest zur Risikogruppenbeurteilung der Schule fernblieben, sind mir nicht bekannt.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
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