Druck Kopfbild

Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 97

5. November 2020 – Frage von A. Mertes an Herrn Minister Mollers (beantwortet von Frau Ministerin Klinkenberg) zu Speicheltests in Schulen

Wie stehen Sie zu den Speicheltests?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. 

Frage von Diana Stiel (Vivant), vom 6. Oktober 2020:

Der BRF berichtete am 17. August, dass der bekannte belgische Mikrobiologe, Herman Goossens sich für Speicheltests zum Nachweis von Corona-Infektionen bei Schülern stark macht.
Bisher galt der umstrittene PCR-Test als Eckpfeiler der Anti-Corona-Strategie. Dieser Test in Form eines Nasen- oder Rachenabstrichs ist jedoch sehr unangenehm und birgt zudem weitere Nachteile. Diese Tests müssen zwingend von Fachpersonal durchgeführt werden, die trotz aufwendiger und kostenintensiver Schutzkleidung einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind.
Speicheltest seien vor allem für Kinder ideal, da sie weniger traumatisierend sind, so Goossens. Es müsse lediglich in ein Röhrchen gespuckt werden. Zudem können diese ohne Fachpersonal durchgeführt werden, und die Ergebnisse liegen bereits nach einem Tag vor.
Zuletzt war im BRF zu vernehmen, dass Goossens mobile Testteams aus Ärzten und Pflegepersonal von Schule zu Schule entsenden möchte, um breit angelegte Speichelproben zu entnehmen. So könne verhindert werden, dass bei einem Infektionsfalls gleich alle Kinder in Quarantäne müssten.
Wir sind der Meinung, dass breit angelegte Testkampagnen, gleich welcher Art, die Angst in der Bevölkerung aufrecht erhält. Wir plädieren für einen positiveren Umgang mit Corona, denn Angst unterdrückt bekanntlich die Gesundheit. Eine neue Studie von Sciensano bestätigt sogar, dass Kinder in der Schule viel weniger infiziert werden als zu Hause und dass sie selten ernsthaft erkranken.

Hierzu lauten meine Fragen wie folgt:
1. Wie stehen Sie zu den Speicheltests?
2. Wie zuverlässig ist diese Methode?
3. Gedenken Sie, flächendeckende Speicheltests in den Schulen der DG durchzuführen?
4. Wie sehen die Testergebnisse bei den Erwachsenen aus? Wurden bereits Kinder getestet?
5. Sollten diese Test sowohl in Primar- als auch in Sekundarschulen durchgeführt werden?

Antwort von Lydia Klinkenberg (ProDG), Ministerin für Unterricht, Ausbildung, Kinderbetreuung und Erwachsenenbildung:

Zurzeit werden PCR-Tests, also die Tests, bei denen Abstriche aus dem Nasen- und Rachenraum entnommen werden, als Diagnosewerkzeug empfohlen und genutzt. Es gibt zurzeit keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die belegen, dass Speicheltests erfolgreich als Diagnosewerkzeug bei symptomatischen COVID-19-Patienten genutzt werden können.
Zum aktuellen Zeitpunkt sind die Speicheltests nicht zuverlässig. Die Sensitivität eines diagnostischen Testverfahrens gibt an, bei welchem Prozentsatz erkrankter Patienten die jeweilige Krankheit durch die Anwendung des Tests tatsächlich erkannt wird, d.h. ein positives Testresultat auftritt. Die Sensitivität der Speicheltests ist noch niedrig. Nur wenn die Viruslast hoch ist, scheint die Methode zu funktionieren. Die Sensitivität könnte durch mehrfache Wiederholungen der Tests kompensiert werden, doch dies könnte nur gewährleistet werden, wenn genügend Laborpersonal und Testkapazitäten zur Verfügung stehen würden.
In Belgien werden zurzeit mehrere Studien über die Speicheltests durchgeführt. An der Universität Lüttich wurde unter der Leitung von Professor Laurent Gillet (Veterinärmedizinische Fakultät) eine groß angelegte Studie gestartet, bei der Universitätsstudenten wöchentlich getestet werden können. Wenn das Ergebnis des Speicheltests positiv ist, wird der Student eingeladen, sich einem PCR-Test zu unterziehen. Da die Studie anonym ist, gibt es keinen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen, die durch Speicheltest und Nasen-Rachen-Abstrich erzielt wurden. Das Hauptziel besteht darin, die Verbreitung von SARS-CoV-2 unter den Studenten zu beobachten.
An der Universität Antwerpen wird aktuell eine Studie in Sekundarschulen unter der Leitung des Teams vom Mikrobiologen Professor Herman Goossens (Fakultät für Medizin und Gesundheit) durchgeführt. Dabei werden Schüler und Lehrer clusterweise getestet. Es werden gleichzeitig eine Nasen-Rachen-Probe und eine Speichelprobe entnommen. Die Speichelprobe wird morgens und abends entnommen, um festzustellen, ob der Morgenspeichel tatsächlich geeigneter ist, so wie es zurzeit in der Literatur angenommen wird. Darüber hinaus wird ein Vergleich zwischen den beiden Proben durchgeführt. Alle Schüler und Lehrer werden nach sieben Tagen erneut getestet. In der Zwischenzeit besuchen sie die Schule. Diese Studie könnte in naher Zukunft unter der Leitung der Universität Gent auf jüngere Kinder ausgeweitet werden.
Auch die Empfehlungen und Studien zu Speicheltests aus den Nachbarländern wie Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland werden von den belgischen Experten berücksichtigt, um sich ein Bild zum möglichen Einsatz von Speicheltests zu machen. Aktuell reichen die wissenschaftlichen Informationen jedoch nicht aus, um den flächendeckenden Einsatz von Speicheltests zu legitimieren.
Da die Erkenntnisse aus bereits laufenden oder geplanten wissenschaftlichen Studien noch nicht vorliegen, wird diese Methode aktuell auch für Kinder nicht empfohlen. Daher sehe ich davon ab, diese Speicheltests flächendeckend in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft durchzuführen.
Die Regierung beobachtet die Empfehlungen der Wissenschaft bezüglich der Speicheltests. Im Fall einer wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit der Speicheltests könnten diese eine interessante Alternative zu den PCR-Tests werden.
Sollte die Wirksamkeit in Zukunft nachgewiesen werden können und die Speicheltests vermehrt in Belgien zum Einsatz kommen, ist es wichtig, klare Richtlinien zur Entnahme (z.B. zum Zeitpunkt der Entnahme) und dem Transport der Speichelprobe zu definieren. Ein Protokoll mit allen Richtlinien für Speicheltests ist auf föderaler Ebene aktuell in Bearbeitung.

Zurück Drucken Teilen