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Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 159

22. April 2021 – Frage von D. Stiel an Herrn Minister Antoniadis zum Dolmetscherdienst TRADUKO

Welche Sprachen sollten in einer weiteren Phase abgedeckt werden?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. 

Frage von Diana Stiel (Vivant), vom 15. März 2021:

Im Rahmen des Integrationsparcours bietet der Soziale Übersetzungsdienst Info-Integration den Menschen, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, Unterstützung bei Anfragen von Behörden oder bei Terminen. Neuerdings stellt dieser Dienst ebenfalls einen kostenlosen Dolmetscher-Service für Menschen mit Einwanderungsgeschichte zur Verfügung. In einem Pilotprojekt sollen Dolmetscher für die häufig gebrachten Sprachen Russisch, Türkisch und Arabisch eingestellt werden.*
Die Kosten dieses Projektes belaufen sich bisher auf 80.000 €.**

In diesem Zusammenhang haben wir folgende Fragen an Sie:
1. Welche Sprachen sollten in einer weiteren Phase abgedeckt werden?
2. Besteht die Möglichkeit, beispielsweise in Verviers einen Dolmetscherdienst zu beanspruchen? Wenn ja, weshalb nutzt man diesen nicht ?
3. Inwiefern rechtfertigt sich diese Initiative? Bitte belegen Sie anhand von Zahlen, die Einwohner pro Sprache (Russisch, Türkisch, Arabisch und andere) innerhalb der DG. Wie viele Menschen werden schätzungsweise einen Dolmetscherdienst in Anspruch nehmen?
4. Bitte listen Sie die genauen Kosten auf, die dadurch entstehen und entstehen werden?

Antwort von Antonios Antoniadis (SP), Minister für Gesundheit und Soziales:

1.) & 4.) Zurzeit kann noch nicht gesagt werden, welche Sprachen in einer weiteren Phase abgedeckt werden sollen. Es ist vorgesehen, die Dienstleistungen der „Sozialen Übersetzer“ im Juni 2021 ein erstes Mal zu evaluieren. Anschließend werden eventuelle Anpassungen vorgenommen oder andere Perspektiven ins Auge gefasst.
Zur Durchführung der im vorliegenden Vertrag erwähnten Aufgaben und Dienstleistungen und der damit verbundenen annehmbaren Personal- und Funktionskosten erhält das Referenzzentrum im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel eine Bezuschussung in Höhe von maximal 80.000,- EUR für den Zeitraum vom 1. Januar 2021 bis zum 31. Dezember 2021. Da der Übersetzerdienst TRADUKO erst in der Pilotphase ist, ist die Auflistung der Kosten nur eine Schätzung.
Zurzeit sieht die Aufteilung der Kosten wie folgt aus:


Ein zusätzliches sprachliches Angebot würde eine Kostenerhöhung zur Folge haben. Diese beinhaltet die Rekrutierung eines neuen Übersetzers und dessen Schulung. Hier gilt prinzipiell, dass die jeweilige Person mindestens ein Abiturabschluss und 5 Dienstjahre vorweisen muss. Unter diesen Voraussetzungen und inklusive Urlaubsgeld kostet die Person 20.582,39 €/Jahr. Bei einem Bachelorabschluss liegen die Kosten bei 26.308,60 €/Jahr. Bei mehr Dienstjahren und/oder einem Masterabschluss erhöht sich das Gehalt automatisch und müsste individuell berechnet werden.
Sollte nun kein erhöhter Bedarf einer weiteren Sprache ermittelt werden, wäre die Einsetzung einer zusätzlichen Übersetzersprache auch nicht notwendig.
Je nach Bedarf kann das Stundenkapital einer bereits eingesetzten Sprache erhöht werden.
Da aber noch kein zusätzliches Angebot anvisiert und die erste Evaluationsphase noch nicht beendet ist, kann ich Ihnen keine konkretere Antwort zu Frage 4 übermitteln.

2.) & 3.) Fehlende Sprachkenntnisse erschweren oft die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Kulturen in Ostbelgien.
Für diese Verständigungsschwierigkeiten gilt es in der Deutschsprachigen Gemeinschaft eine strukturelle Lösung zu finden.
Oft wird durch fehlende Sprachkenntnisse die Umsetzung der Arbeit der sozialen Dienste, gesundheitlichen Einrichtungen, Arbeitsvermittlerdienste, Schulen, usw. erschwert. Auch gewisse Projekte können, zumindest in Hinblick auf dieses Publikum, nicht vollständig realisiert werden (z.B. Kompetenzen anerkennen - Projekt Zukunftswege gestalten). Dabei würde die Integration der Zugezogenen um einiges vereinfacht werden, wenn beispielsweise eine Laufbahnorientierung bereits kurz nach der Ankunft durchgeführt und nicht erst, wenn ein gewisses Sprachniveau erreicht wurde.
Der soziale Übersetzerdienst erhöht den Zugang zu den Grundrechten und die Chancengleichheit in der Deutschsprachigen Gemeinschaft um ein Vielfaches.
Um zu erfragen, welche Erfahrungen die Einrichtungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft in diesem Bereich gemacht haben, fand im März 2020 eine Bedarfsanalyse statt.
173 Sozial-, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sowie öffentliche Verwaltungen wurden kontaktiert.
16 Einrichtungen gaben an, täglich, teilweise sogar mehrmals täglich, in Kontakt zu den Kunden zu stehen. Weitere 21 gaben an, dass dies mehrmals pro Woche erfolgt. Wöchentlich und monatlich machen 18 Einrichtungen diese Erfahrung. Weitere 29 werden mit diesem Problem nur in Einzelfällen oder nie konfrontiert.
Die Bedarfsanalyse hat ergeben, dass 73 Einrichtungen auf den sozialen Übersetzerdienst Ostbelgiens zurückgreifen würden. 17 Einrichtungen können bisher keine Auskunft geben, da kosten- oder bedarfsabhängig ist. 5 Einrichtungen sehen aktuell keinen Bedarf.
Um kommunizieren zu können, greifen 79 % der Einrichtungen in oben genannten Fällen auf Verwandte oder Bekannte der Nutznießer zurück. Dies gibt kurzfristige und pragmatische Lösungen und funktioniert bei unkomplizierten Sachverhalten relativ gut. Trotzdem geben fast alle an, eher unzufrieden mit dieser Lösung zu sein, da die Inhalte meist komplex, persönlich und sensibel sind. Die Mitarbeiter können nicht überprüfen, ob neutral, korrekt und vollständig übersetzt wurde. Eine große Schwierigkeit liegt außerdem in der mangelnden emotionalen Distanz. Mitteilungen werden abgeschwächt und schwierige Themen werden in beide Richtungen ausgelassen aus Angst vor den Reaktionen. Die Beziehung färbt die Übersetzung, so dass es zu falschen Reaktionen oder Missverständnissen kommen kann. Auf der anderen Seite sind die Betroffenen oft beschämt offen vor den Begleitpersonen zu sprechen und lassen gewisse Themen aus. Des Weiteren unterliegen die Bekannten keiner Schweigepflicht. Zudem ist es wichtig zu erwähnen, dass gewisse Themen nicht im Beisein von Verwandten und Freunden aufgrund des Berufsgeheimnisses besprochen werden können.
Besonders problematisch ist es, wenn die Kinder übersetzen müssen, da es sich meist um nicht-kindgerechte Themen handelt oder die Situation die Kinder selbst betrifft. Die Kinder übernehmen eine Verantwortung, die ihnen eigentlich nicht zukommen sollte. Es ist auch schon vorgekommen, dass schulpflichtige Kinder ihre Eltern zum Übersetzen begleiten haben, anstatt zur Schule zu gehen. Die Gesamtsituation ist schwierig. Ein weiteres Problem, das genannt wird, ist, dass die Begleitpersonen die Sprache selbst nur bedingt beherrschen und/oder ihnen der Fachwortschatz fehlt.


Ungefähr ein Fünftel der Einrichtungen gibt an, bereits auf Übersetzerdienste zurückzugreifen. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um SETIS, der soziale Übersetzerdienst der Wallonie. Mit dieser Dienstleistung sind viele Einrichtungen zufrieden. Sie bemängeln allerdings die langen Wartelisten und die fehlende Übersetzung in deutscher Sprache. Auch der Übersetzerdienst in Aachen „Sprint“ wurde in manchen Fällen zu Rate gezogen. Doch auch hier kann eine Intervention pauschal bis zu 100 € oder mehr kosten.
In Verviers existiert kein sozialer Übersetzerdienst und zertifizierte Dolmetscher bleiben für viele Institutionen finanziell nicht erschwinglich. In sehr wenigen Fällen werden Übersetzerdienstleistungen aus Verviers bezogen, da, wie bei den Anfragestellungen bei dem sozialen Übersetzerdienst der Wallonie SETIS, der auch für das Einzugsgebiet Verviers zuständig ist, die zu zahlenden Kosten oft noch höher sind, Wartezeiten noch länger sind und die Übersetzungen in deutscher Sprache so gut wie gar nicht existieren und somit die genannten Gründe in noch größerer Konsequenz mit sich tragen.
Bei der Bedarfsanalyse haben viele Einrichtungen zusätzlich angemerkt, dass sie die Initiative eines sozialen Übersetzerdienstes begrüßen, um eine zentrale Lösung für genannten Schwierigkeiten vorzusehen. Der Zugang zu den Klienten wird durch diese Einsetzung verbessert und auch die Zielgruppe „Kinder & Jugendliche“ wird mehr geschützt. Viele Dienstleistungen und Angebote werden mit Hilfe eines Sozialen Übersetzerdienstes überhaupt erst zugänglich für dieses Publikum. Darunter fallen u.a.:
- Sämtliche Beratungen und Begleitungen: Opferberatung, Weiterbildungsberatung, berufliche Integration, begleitete Besuchskontakte mit Erziehungsberatung, Begleitung bei einer Palliativpflege, etc…;
- Kursangebote wie Umgang mit Geld, theoretischer Führerschein, etc…;
- Begleitung bei Behördengängen;
- Elternabende und -gespräche in Schulen;
- Jugendarbeit;
- Medizinische Angebote, wie Therapien, Vorsorgeuntersuchungen, Sexualberatung, …
Die Sprachen Türkisch, Arabisch und Russisch wurden in Zusammenarbeit mit Info-Integration ganz gezielt für die Pilotphase des Sozialen Übersetzerdienstes ausgewählt. In der Deutschsprachigen Gemeinschaft haben 2019 insgesamt 404 Personen den Dienst in Anspruch genommen. 111 Personen aus Syrien, 97 aus der Türkei, 69 aus dem Irak, 69 aus der russischen Föderation und aus Marokko 58 Personen. Im Jahre 2020 waren es sogar 476 Personen. Aus Syrien waren es 133, aus der Türkei 118, aus dem Irak 78, aus der russischen Föderation 77 Personen und aus Marokko 70.*** All diese Personen könnten theoretisch diesen Übersetzerdienst, im vorgesehenen Rahmen in Anspruch nehmen.
Um den Mehrwert dieser Dienstleistung zu unterstreichen, möchte ich Ihnen die bereits gesammelten Informationen zu der Nutzung von TRADUKO übermitteln. Schätzungsweise hatten wir im Pilotjahr mit rund 400 Anfragen gerechnet.
Die Einstellung der Übersetzer und der Übersetzerinnen erfolgte zum 01. Februar 2021. Laut Info-Integration wurden im Zeitraum vom 02. Februar 2021 bis zum 16. April 2021 insgesamt 67 Übersetzungen umgesetzt. Davon waren 36 Übersetzungen in arabischer, 20 Übersetzungen in türkischer und 11 Übersetzungen in russischer Sprache. Diese wurden entweder in Präsenzform, schriftlich oder über Videokonferenz ausgeführt.
Unter den Antragsstellern waren

- Das ÖSHZ Eupen und das ÖSHZ St. Vith im Rahmen von Aufklärungsgesprächen;
- Info- Integration im Rahmen von Übersetzungen von Flyern und Aufklärungsgesprächen;
- Die SGU, die SGO, das RSI, das CFA Kelmis im Rahmen von Elterngesprächen;
- Kaleido im Rahmen von Aufklärungs- und Elterngesprächen;
- Das Asylbewerberzentrum Eupen und Manderfeld im Rahmen von Arztterminen;
- „Wohnraum für Alle“ im Rahmen von Aufklärungsgesprächen;
- Das Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Rahmen einer Diplomgleichstellung;
- Der Öffentliche Wohnungsbau Eifel im Rahmen eines Aufklärungsgespräches;
- Die Anwaltskanzlei Mentions im Rahmen juristischer Beratungen;
- Prisma im Rahmen eines Beratungsgespräches und schriftlicher Übersetzung;
- Die Dienststelle für selbstbestimmtes Leben im Rahmen von Aufklärungsgesprächen;
- Das Justizhaus im Rahmen juristischer Beratungen;
- Der Jugendhilfsdienst im Rahmen von Hausbesuchen, Aufnahmegesprächen und Begleitgesprächen;
- Das Mosaik-Zentrum im Rahmen von Familien- und Begleitgesprächen;
- Die WFG Eupen im Rahmen einer Übersetzung.

Es bleibt nun abzuwarten, wie sich die Anfragen und Umsetzung der Übersetzungen entwickeln. Diese Zahlen sprechen allerdings für sich.

 

* „TRADUKO“_ Erster Dolmetscherdienst in der DG - Ostbelgien Direkt.pdf - https://ostbelgiendirekt. 
be/traduko-dolmetscherdienst-276944# 
** https://www.grenzecho.net/13571/artikel/2019-05-08/dg-und-foderalstaat-gehen-neue-wege-beimubersetz ungsdienst
*** Tätigkeitsbericht Info - Integration von 2019 und 2020.    

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