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Fragen und Antworten

Mündliche Frage Nr. 656

22. April 2021 – Frage von A. Jerusalem an Ministerin KLINKENBERG zur möglichen Verkürzung der Sommerferien

Gibt es konkrete Überlegungen, das Ende des laufenden Schuljahres und den Beginn des kommenden terminlich zu überdenken.

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. 

Frage von Andreas Jerusalem (Ecolo):

Corona hat nach wie vor das gesamte Land im Griff, so auch das Bildungswesen. Das zeigen schon die Fragen der heutigen Kontrollsitzung. Die Auswirkungen auf unsere Schülerinnen und Schüler und ihren Lernstand sind groß und die Suche nach Lösungen, um entstandene Rückstände aufzuarbeiten laufen seit Monaten. 
Führende belgische Pädagogen schlagen daher vor, die diesjährigen Sommerferien zu kürzen. Bereits im vergangenen Jahr wurde diese Möglichkeit diskutiert – damals hat man belgienweit davon abgesehen. In diesem Jahr betten die Pädagogen den Vorschlag aber in die angepeilte prinzipielle Neuplanung der Schulrhythmen. 
Die lange Ferienphase im Sommer ist historisch gewachsen: In der Vergangenheit war sie notwendig, weil die Kinder auf den Höfen der Eltern oder im Dorf mit anpackten. Diese Zeit ist lange vorbei. 
Heute führen die langen Ferien natürlich zur notwendigen Erholung, Zeit in der Familie, aber auch zu einem großen Vergessensprozess, den die Pädagogen gerne abschwächen möchten. 
Ministerin Caroline Désir hat bereits angekündigt, in der Fédération Wallonie-Bruxelles ab dem Schuljahr 2022 – 2023 in einen Rhythmus von 7 Schulwochen im Wechsel mit 2 Ferienwochen umsetzen zu wollen. Weist aber auch darauf hin, im Austausch mit Ihnen und Ihrem flämischen Kollegen Ben Weyts zu stehen. Der flämische Unterrichtsexperte Dirk Van Damme plädiert für Ferienintervalle von zwei bis sechs Wochen. 
Ich gehe nicht davon aus, dass in den nächsten zwei Monaten eine Einigung in der Frage nach der Neutaktung des Schuljahres gefunden wird. Doch stellt sich die Frage akut für den Ferienbeginn, der nach aktuellem Stand der Dinge in 10 Wochen erfolgen würde, und für den Beginn des kommenden Schuljahres. 

Daher habe ich folgende Fragen an Sie, Frau Ministerin: 
-­ Gibt es konkrete Überlegungen, das Ende des laufenden Schuljahres und den Beginn des kommenden terminlich zu überdenken.
­- Erwarten Sie, dass die seit langem diskutierte Neutaktung des Schuljahres durch die Corona-Krise den Schwung erhält, den sich die angesprochenen Pädagogen wünschen, und in deutlich näherer Zukunft als in der vergangenen Kontrollsitzung besprochen eine Entscheidung in diesem Wandel eintreten könnten?

Antwort von Lydia Klinkenberg (ProDG), Ministerin für Unterricht, Ausbildung, Kinderbetreuung und Erwachsenenbildung:

Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft hat nicht die Absicht, die Sommerferien in diesem Schuljahr zu verkürzen. Dass Sie Kollege Jerusalem die Frage von Herrn Servaty erneut stellen, ändert ja nichts an den Tatsachen. Daher wiederhole ich gern, was an dieser Stelle bereits Kollege Antoniadis in meiner Vertretung am 18. März erläutert hat:

„Wir sollten nicht voreilig auf einen neuen Schuljahresrhythmus umstellen, sondern mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit einplanen, wie es die Fondation Roi Baudouin in der Machbarkeitsstudie für die Französische Gemeinschaft empfohlen hat. Bis Ende September werden wir analysieren, welche Auswirkungen die Beibehaltung – und sei es nur eine vorübergehende  Beibehaltung - des Schuljahresrhythmus in Ostbelgien bei gleichzeitiger Umsetzung des 7/2-Modells in der Französischen Gemeinschaft hat, so dass wir den Handlungsbedarf für unsere Gemeinschaft im Hinblick auf das Schuljahr 2022-2023 identifizieren können. Bis Dezember 2021 wird im Rahmen der laufenden OECD-Kooperation zur Entwicklung einer Gesamtvision für das ostbelgische Bildungswesen eine SWOT-Analyse zur Fragestellung erstellt. Ziel ist es, sachliche und evidenzbasierte Argumente „für“ und „gegen“ eine Umstellung des Schuljahresrhythmus in Ostbelgien zu sammeln. Hierbei sollen auch die Auswirkungen auf die Lebensbereiche außerhalb des Bildungswesens beleuchtet werden.“

Ihre Frage, Kollege Jerusalem, suggeriert, dass es eine Einigkeit unter Pädagogen gibt, und diese eine Neutaktung des Schuljahres geradezu herbeisehnen. Ich erinnere an dieser Stelle an die Resultate der breit angelegten und repräsentativen Umfrage, die VDI im Rahmen der Diagnosephase der Gesamtvision durchgeführt hat. Die Ergebnisse der Diskussionsforen und der Befragung in Bezug auf die Schuljahrestaktung und die Länge der Sommerferien fasst VDI im Ergebnisbericht wie folgt zusammen: „In der Umfrage wurde die Frage nach dem derzeitigen Schuljahresrhythmus unterschiedlich bewertet. 56 % sahen die momentane Regelung als angemessen an, während 34 % diese als nicht angemessen betrachteten, von denen eine große Mehrheit die Verkürzung der Sommerferien forderte. Begründet wurde dies meist damit, dass Unterrichtszeiten am Stück bisher zu lang seien und über die Ferien viel vergessen würde, hinzu kämen Schwierigkeiten der Kinderbetreuung in den langen Sommerferien. Andere stimmen bewerteten die langen Ferienzeiten positiv und bezogen sich dabei auf die Erfahrung, dass Schüler eine längere Zeit brauchen, um wirklich abschalten zu können.“ 

In den Antworten auf die offenen Fragen in den Freitextfeldern lehnte laut VDI ein Großteil der Kommentatoren die Neutaktung ab. Das Unterrichtspersonal, die Eltern, die Schüler und die Wirtschaftsakteure sprachen sich allesamt mehrheitlich für die Beibehaltung des aktuellen Rhythmus aus, allen voran das Unterrichtspersonal mit 62%! 

Angesichts dieser Ergebnisse, der Empfehlungen der König Baudouin Stiftung und der weitreichenden Konsequenzen für Akteure außerhalb des Bildungswesens werden Sie Kollege Jerusalem es uns hoffentlich nachsehen, dass wir hier nichts überstürzen und stattdessen den ursprünglichen Plan einhalten, d.h. die Ergebnisse der bildungswissenschaftlichen Analyse der OECD abwarten, die Umsetzung in der Französischen Gemeinschaft genaustens beobachten und in einem partizipativen Prozess im Rahmen der Gesamtvision mit allen betroffenen Akteuren das Unterrichtswesen gestalten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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